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Fokus-Stacking mit Canon und Digital Photo Professional

2019-11-24 Wenn Sie bei Aufnahmen den Schärfebereich erweitern wollen, dann ist das erste Mittel der Wahl das Schließen der Blende. Wird die Blende jedoch zu weit geschlossen, tritt die sogenannte Beugungsunschärfe auf. Zum Glück bieten immer mehr moderne Kameras eine Fokus-Aufnahmereihen-Funktion (Fokus-Bracketing) an. Mit dieser ist es möglich, die maximale Auflösungsleistung des Objektivs zu nutzen und gleichzeitig den Schärfebereich zu erweitern. Wie diese Funktion bei Canon mit der Software Digital Photo Professional vor sich geht, zeigen wir am Beispiel mit der EOS 90D.  (Harm-Diercks Gronewold)

Doch was ist Fokus-Bracketing genau? Bei dieser Art der Reihenaufnahmefunktion (Reihenaufnahmen werden auch als Bracketing bezeichnet) variiert die Kamera die Entfernungseinstellung des Objektivs und nicht die Belichtungseinstellung zur Erzeugung einer Über- beziehungsweise Unterbelichtung. Die Kamera macht also jede Aufnahme mit einer minimal veränderten Fokussierung. Die dabei erzeugten Einzelaufnahmen können dann in eine externe Software geladen und von dieser zu einem durchgängig scharfen Bild verrechnet werden. Der Fokus wird praktisch "gestapelt", weshalb diese Bearbeitungs-Technik auch als Focus-Stacking bezeichnet wird.

Für diese Aufnahmeart sollten Sie neben einer geeigneten Kamera (in unserem Beispiel die Canon EOS 90D) auch einen vollen Kamera-Akku eine ausreichend große Speicherkarte sowie ein stabiles Kamerastativ zur Verfügung haben. Wie bei jeder guten Aufnahme sollten Sie sich zunächst Gedanken zum Bildausschnitt und der Lichtsetzung machen. Dabei sollten Sie den Bildausschnitt etwas großzügiger einplanen, da sich die Brennweite beziehungsweise der Bildwinkel durch das Verschieben der Schärfeebene durchaus verändern kann. Bitte beachten Sie, dass die hier beschriebene DPP-Funktion nur funktioniert, wenn die Fokusreihe aus einer Canon Kamera stammt, die diese Funktion auch anbietet. Manuell erstelle Fokusreihen können nicht zusammengeführt werden.

Danach wählen Sie die Fokus-Bracketing-Funktion aus, die bei der EOS 90D im Aufnahmemenü auf Seite 5 zu finden ist. Beachten Sie dabei bitte, dass diese Funktion nur im Live-View-Modus verfügbar ist und nicht im Suchermodus der Kamera. Im zweiten Schritt legen Sie die Anzahl der Bilder fest, die gemacht werden sollen. Danach kann die Fokusabstufung angepasst werden. Dies ist normalerweise nicht erforderlich, da die Kamera die nötige Abstufung anhand der Blende, Brennweite und der Fokusdistanz selbst korrekt berechnet. Wer möchte, kann diese Abstufung aber in jeweils fünf Schritten verkleinern oder vergrößern.

Grundsätzlich gilt Folgendes: Je dichter das Objekt an der Kamera ist, desto geringer sollte die Fokusabstufung der einzelnen Aufnahmen zueinander sein. Je kleiner die Fokusabstufung ist, desto mehr Aufnahmen müssen gemacht werden, um den maximalen Effekt zu erreichen. Das gilt gleichermaßen für die Blendenöffnung. Je größer die Blendenöffnung ist (kleine Zahl), desto kleiner muss die Fokusabstufung sein und umso mehr Aufnahmen müssen gemacht werden. Bei einer Änderung der Brennweite passiert dasselbe: Je länger die Brennweite ist, desto feiner müssen die Fokusabstufungen sein. 

Aktuell empfiehlt Canon folgende Objektive für die Fokus-Aufnahmereihen-Funktion (Stand 11/2019): EF 16-35 mm F4L IS USM, EF 24-70 mm F4L IS USM, EF 100 mm F2.8L Macro IS USM, EF 180 F3.5L Macro USM, EF-S 35 mm F2.8 Makro IS STM, EF-S 60 mm F2.8 Macro USM, EF-S 18-135 mm F3.5-5.6 IS USM. Es sollte aber prinzipiell auch mit anderen Objektiven funktionieren.

Um etwas Ordnung auf der Speicherkarte zu schaffen, können Sie die Kamera anweisen, die zur Fokus-Aufnahmereihe gehörenden Bilder in einen eigenen Unterordner zu speichern. Die Aufnahmereihe startet immer nah an der Kamera und verlagert sich in Richtung "unendlich". Setzen Sie also den Fokus auf den Punkt im Motiv, der am dichtesten an der Kamera ist. Danach betätigen Sie den Auslöser und die Kamera macht die Aufnahmen und verlagert den Fokus automatisch für jede Aufnahme.

Sind die Aufnahmen im Kasten, entnehmen Sie die Speicherkarte, laden die Bilder auf Ihren Rechner und starten Canon Digital Photo Professional (DPP). Danach sollten Sie die Bilder sichten und besonders auf die letzten Aufnahmen schauen, ab wann sich keine für die Aufnahme relevanten Änderungen der Fokussierung mehr zeigen. Diese Aufnahmen können Sie von der Berechnung ausschließen. Das vermeidet nicht nur Fehler, sondern beschleunigt den Arbeitsvorgang unter Umständen deutlich.

Nach der Bildübertragung können Sie die Funktion des Fokus-Stackings unter "Extras" und "Tiefen-Compositing-Werkzeug starten" finden. Danach werden Ihnen Einstellungsoptionen mit Schiebereglern präsentiert. Mit diesen können Sie die Verrechnungsfunktion an die Bedürfnisse ihres Motivs anpassen. So lässt sich beispielsweise bestimmen, ob die Bilder einen hohen Bokeh-Bereich haben, ob der Übergang der Verrechnung geglättet werden soll oder ob sich hintereinander gelegene Bildbereiche überlappen. Zudem können Sie eine Helligkeitsanpassung aktivieren, die unterschiedlich belichtete Aufnahmen angleicht.

Sind die Anpassungen abgeschlossen, können Sie das Fokus-Stacking starten. Je nach Rechenleistung und Bildgröße dauert dieser Vorgang seine Zeit. Ein Statusfenster zeigt Ihnen, mit welchem Bild die Software gerade beschäftigt ist und teilt Ihnen mit, wann das Stacking fertiggestellt wurde. Am Ende speichert DPP das Bild an dem zuvor festgelegten Ort und danach können Sie das Bild weiterverarbeiten. 

Abhängig vom Motiv kann die Software manchmal nicht gut genug zwischen den Bildbereichen differenzieren. Dadurch zeigen sich unscharfe Bereiche und "Geisterbilder". Diesen können Sie manuell zu Leibe rücken. Dazu wird das "Tiefen-Compositing-Werkzeug-Bearbeitungswerkzeug starten" ausgewählt. Dieses findet sich ebenfalls unter dem "Extras"-Eintrag. DPP lädt nun einen Dialog, der Ihnen erlaubt, die Gewichtung der Quellbilder zu ändern. Dazu wird zunächst das Quellbild ausgewählt, was den gewünschten Bildbereich scharf abgebildet hat. Mit der Schaltfläche "Anpassungsbereich festlegen" kommen Sie in den Arbeitsbereich, der Ihnen erlaubt, den Quellbereich in das Zielbild zu übertragen.

Im Fall unseres zweiten Beispielbildes zeigt sich jedoch, dass das Bokeh des Vordergrundes sehr groß ist und deshalb immer Probleme in diesem Bereich zu erwarten sind. Dieses Problem ist allerdings nicht spezifisch für DPP, sondern auch Affinity Photo und die Stacking-Software Helicon Focus 7 haben mit diesen Motivbereichen Probleme. Doch wie können Sie Abhilfe für ein solches Problem schaffen? Die Antwort ist recht einfach, Sie sollten vermeiden, dass der Vorder- und Hintergrund eines Bildes sich stark überlappen. Wenn sich das nicht vermeiden lässt, sollte das Bokeh möglichst gering sein. Das erreichen Sie, indem Sie die Blende bei der Aufnahme weiter schließen. Die Wahl des Bildwinkels und des Motivs selber ist also essentiell wichtig für das Gelingen eines Fokus-Stackings.

Aktuell (Stand 11/2019) bieten folgende Kameras von Canon eine Fokus-Aufnahmereihen-Funktion: EOS RP, EOS 90D, EOS M6 Mark II, PowerShot G7 X Mark III, PowerShot G5 X Mark II. Generell kann aber auch externe Software (etwa DSLR Remote oder Helicon Remote) die meisten EOS-Kameras so ansteuern, dass ein Fokus-Bracketing möglich ist.

Update 2019-12-18: In der ersten Version dieses Fototipps haben wir geschrieben, dass es unerheblich für die DPP Software ist wie die Aufnahmereihe entstanden ist und mit welcher Kamera sie aufgenommen wurde. Die Software kann nur Aufnahmereihen verarbeiten die mit der entsprechenden Fokusreihen-Funktion aufgenommen wurden. Wir haben den Text entsprechend geändert. 


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