Preisgünstiger Lichtriese

Testbericht: 7Artisans 35 mm F0,95

2021-03-01, aktualisiert 2021-03-05 Mit seiner hohen Lichtstärke von F0,95, dem äußerst günstigen Preis von unter 300 Euro und den kompakten Abmessungen weckte das 7Artisans 35 mm F0,95 bereits bei seiner Vorstellung Ende November 2020 unser Interesse. Allerdings darf man realistischerweise bei dem Preis auch keine Wunder erwarten, selbst bei einem rein manuellen Objektiv. Auch wenn es sich um ein APS-C-Objektiv handelt, haben wir mit der Micro-Four-Thirds-Variante an der 20 Megapixel auflösenden Olympus OM-D E-M5 Mark III getestet, wie gut oder schlecht das Objektiv tatsächlich ist.  (Benjamin Kirchheim)

Das 7Artisans 35 mm F0,95 ist für spiegellose Kamerasysteme gerechnet und wird nicht nur mit Micro-Four-Thirds-Bajonett angeboten, sondern auch mit den Anschlüssen Fujifilm XF, Canon EF-M, Nikon Z und Sony E. Auch wenn es sich ausdrücklich um ein Objektiv mit maximal APS-C-Bildkreis handelt, haben wir es testweise vor einen Kleinbildsensor gehalten (Sony Alpha 7 III). Das Kleinbildformat wird jedoch definitiv nicht ausgeleuchtet, die Ecken sind sichtbar schwarz.

  • Bild Das 7Artisans 35 mm F0,95 ist trotz der hohen Lichtstärke ein preisgünstiges, sehr gut verarbeitetes und erstaunlich kompaktes Objektiv. [Foto: 7Artisans]

    Das 7Artisans 35 mm F0,95 ist trotz der hohen Lichtstärke ein preisgünstiges, sehr gut verarbeitetes und erstaunlich kompaktes Objektiv. [Foto: 7Artisans]

Verarbeitung

Mit einer Länge von 5,7 Zentimetern (in der Mirco-Four-Thirds-Variante, ab Bajonettauflage gemessen) und einem Durchmesser von gemessenen 6,1 Zentimetern ist das 7Artisans 35 mm F0,95 trotz des APS-C-Bildkreises selbst verglichen mit einem Micro-Four-Thirds-Objektiv sehr kompakt. Damit passt es perfekt zur ebenfalls sehr kompakten Testkamera Olympus OM-D E-M5 Mark III, so dass die Kombination problemlos in einer Jackentasche verschwindet. Trotz des 52mm-Filterdurchmessers wird das Objektiv mit einem innen mit Samt ausgeschlagenen Metallstülpdeckel geliefert, der allerdings wenig vertrauenerweckend lose sitzt. Er fällt zwar nicht von alleine ab, lässt sich aber problemlos abschütteln.

Relativ zur Größe wirkt das Objektiv mit 358 Gramm verhältnismäßig schwer, die Kombination mit der OM-D E-M5 Mark III wiegt 777 Gramm. Zum Vergleich: Das deutlich größere Olympus 25 mm F1.2 ED Pro wiegt mit 410 Gramm kaum mehr. Das satte Gewicht des 7Artisans 35 mm F0,95 liegt aber nicht nur in der hohen Lichtstärke und dem entsprechenden Linsendurchmesser (39 Millimeter Frontlinse) begründet, sondern dem hochwertig verarbeiteten Metallgehäuse (Aluminiumlegierung). Angesichts des Preises kann sich angesichts dessen eigentlich kein Hersteller mehr herausreden, ein hochwertiges Metallgehäuse sei zu teuer.

Doch nicht nur die Verarbeitung des 7Artisans 35 mm F0,95 weiß zu überzeugen, sondern auch das schlichte Design. Hinzu kommen sehr gut lesbare, gravierte und in Weiß sowie Rot ausgelegte Beschriftungen. Sogar das Metallbajonett ist Schwarz. Auf Abdichtungen gegen Staub und Spritzwasser muss man hingegen verzichten.

  • Bild Sowohl die Blende als auch der Fokus des 7Artisans 35 mm F0,95 werden stufenlos manuell eingestellt. Mangels elektrischen Kontakten bleiben die entsprechenden EXIF-Daten der Bilder (Blende und Brennweite) jedoch leer. [Foto: 7Artisans]

    Sowohl die Blende als auch der Fokus des 7Artisans 35 mm F0,95 werden stufenlos manuell eingestellt. Mangels elektrischen Kontakten bleiben die entsprechenden EXIF-Daten der Bilder (Blende und Brennweite) jedoch leer. [Foto: 7Artisans]

Bedienung

Das 7Artisans 35 mm F0,95 ist ein rein manuelles Objektiv, das heißt, dass nicht nur der Fokus manuell eingestellt werden muss, sondern dass das Bajonett auch keinerlei elektrische Kontakte besitzt. Das bringt mehrere Nachteile mit sich. Einerseits kann man nur mit Arbeitsblende arbeiten, das heißt, die Blende schließt sich direkt und nicht erst bei Bedarf während der Belichtung. Andererseits springen auch die Fokushilfen nicht automatisch an, wenn man am Fokusring dreht, so dass man die Fokuslupe und das Fokuspeaking mit entsprechenden Individualtastenbelegungen aktivieren und auch wieder deaktivieren muss.

Am ärgerlichsten ist aber, dass die Blende in den EXIF-Daten leer bleibt. Immerhin lassen sich in der Olympus OM-D E-M5 Mark III und einigen anderen Kameramodellen Objektivprofile hinterlegen und passend auswählen, in denen Brennweite, Objektivname und maximale Blendenöffnung hinterlegt werden können. Mit welcher Blende man jedoch fotografiert hat, kann man hinterher nur nachvollziehen, wenn man während des Fotografierens akribisch Notizen anfertigt. Immerhin lässt sich der Sensor-Shift-Bildstabilisator der Kamera nutzen, man muss diesem für eine korrekte Funktion lediglich die Brennweite des Objektivs manuell mitteilen oder eben das passende Objektivprofil wählen.

Über den manuellen Fokusring kann man sich hingegen nicht beklagen. Er ist 2,7 Zentimeter breit, wobei er auf 1,4 Zentimetern Breite eine griffige Riffelung besitzt. Mit etwas mehr als einer viertel Umdrehung wird der Bereich von unendlich bis zur Naheinstellgrenze von 37 Zentimetern butterweich durchfahren. Neben Markierungen bei unendlich, 2, 1, 0,7, 0,5, 0,42 und 0,37 Metern gibt es auch eine Schärfentiefeskala für die Blenden F0,95, F2,8, F4, F8, F11 und F16. Beim Fokussieren fährt die Objektivfront um bis zu sieben Millimeter aus, wobei sich die Objektivfront nicht mitdreht und die Hinterlinse fest stehen bleibt.

Trotz des gut laufen Fokusrings und der geringen Schärfentiefe sowie den Fokushilfen ist das manuelle Fokussieren dennoch nicht so einfach. Das liegt schlicht daran, dass das Objektiv bei Offenblende selbst in der Schärfeebene recht weich zeichnet, wodurch die Schärfe nicht so offensichtlich "springt". Man benötigt etwas Geduld und am besten ein Stativ für präzise Ergebnisse. Immerhin konnten wir beim Abblenden keinen Fokus-Shift feststellen, das heißt, dass man auch nach dem Fokussieren noch gut auf- und abblenden kann. In der Praxis gestaltete sich das Fokussieren bei F2 wesentlich angenehmer.

Gemessen haben wir die Naheinstellgrenze sogar mit knapp unter 36 Zentimetern ab Sensorebene statt den angegebenen 37 Zentimetern. Als minimales Bildfeld haben wir 12,2 mal 9,2 Zentimeter ermittelt, was einem maximalen Abbildungsmaßstab von 1:7,1 entspricht.

  • Bild Die aus zwölf Lamellen bestehende Blende kann man beim 7Artisans 35 mm F0,95 besonders gut sehen. [Foto: MediaNord]

    Die aus zwölf Lamellen bestehende Blende kann man beim 7Artisans 35 mm F0,95 besonders gut sehen. [Foto: MediaNord]

Der Blendenring arbeitet wie der Fokusring butterweich – im positiven wie im negativen Sinne. Er ist acht Millimeter breit und besitzt mit Ausnahme des Beschriftungsbereichs, der etwa ein Viertel des Umfangs einnimmt, dieselbe griffige Riffelung wie der Fokusring. Lediglich die vollen Blendenstufen von F0,95, F1,4, F2, F2,8, F4, F8 und F16 sind als Zahlen graviert, bei F5,6 und F8 gibt es aus Platzmangel lediglich einen Punkt, weitere Zwischenstufen sind nicht markiert. Die Beschriftungen sind dabei dermaßen weit vom weißen Bezugspunkt entfernt, dass man den Blendenwert nur abschätzen kann. Als Fotograf vermisst man zudem eine Rasterung der Blende, Videografen hingegen können die Blende absolut stufen- und lautlos einstellen.

Im Bereich von F2 bis F16 läuft die Belichtung sehr linear, das heißt, dass hier die Anzeige des Belichtungswerts der Kamera gut als Referenz für die exakte Blendeneinstellung sogar in Drittelstufen dienen kann. Im Bereich von F2 bis F1,4 und vor allem von F1,4 bis F0,95 wird das Bild jedoch nicht mehr linear heller, nicht einmal im Bildzentrum, in dem eine Randabdunklung keine Rolle spielt. Das heißt, die Transmission entspricht mit größerer Blendenöffnung nicht mehr dem Blendenwert. Das ist jedoch nicht ungewöhnlich und auch bei anderen hochlichtstarken Objektiven zu beobachten.

Als nettes Detail am Rande kann man übrigens beim Blick von vorne ins Objektiv hervorragend die Blende arbeiten sehen. Sie besteht aus zwölf Lamellen, die eine sehr gleichmäßige, nahezu runde Öffnung bilden.

Fortsetzung auf Seite 2

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Autor

Benjamin Kirchheim

Benjamin Kirchheim, 43, schloss 2007 sein Informatikstudium an der Uni Hamburg mit dem Baccalaureus Scientiae ab. Seit 1998 war er journalistisch für verschiedene Atari-Computermagazine tätig und beschäftigt sich seit 2000 mit der Digitalfotografie. Ab 2004 schrieb er zunächst als freier Autor und Tester für digitalkamera.de, bevor er 2007 als fest angestellter Redakteur in die Lübecker Redaktion kam. Seine Schwerpunkte sind die Kameratests, News zu Kameras und Fototipps.