Makro-Objektiv mit Bokeh-Kontrolle

Testbericht: Canon RF 100 mm F2.8 L Macro IS USM

2022-04-24 Auf den ersten Blick scheint es sich beim Canon RF 100 mm F2.8 L Macro IS USM um ein gewöhnliches 100er Makro zu handeln, doch das täuscht. Mit einer 1,4-fachen Vergrößerung bildet es kleinere Motive formatfüllend ab als üblich und sogar das Bokeh lässt sich dank eines Kontrollrings beeinflussen, was auch bei Porträtaufnahmen von Vorteil ist. Damit ist es quasi der große Bruder des RF 85 mm F2 Macro IS STM, das seinerseits ein um eine Makrofunktion "aufgebohrtes" Porträtobjektiv ist. Ob beim mehr als doppelt so teuren Canon RF 100 mm F2.8 L Macro IS USM auch die Bildqualität stimmt, klärt dieser Test.  (Benjamin Kirchheim)

  • Bild Mittels des SA-Control-Rings lässt sich beim Canon RF 100 mm F2.8 L Macro IS USM die sphärische Aberration kontrollieren, die ihrerseits das Bokeh stark beeinflusst. [Foto: MediaNord]

    Mittels des SA-Control-Rings lässt sich beim Canon RF 100 mm F2.8 L Macro IS USM die sphärische Aberration kontrollieren, die ihrerseits das Bokeh stark beeinflusst. [Foto: MediaNord]

Mit über 1.500 Euro hat das Canon RF 100 mm F2.8 L Macro IS USM einen stolzen Preis. Zwar gehört es der hochwertigen L-Serie an, dennoch besteht das Gehäuse komplett aus Kunststoff. Immerhin ist es gegen Spritzwasser und Staub geschützt, dementsprechend ist am Metallbajonett ein Dichtring zu finden. Die Frontlinse ist zudem mit einer schmutzabweisenden Fluorvergütung versehen. Mit einer Länge von fast 15 und einem Durchmesser von über acht Zentimetern hat das Makro eine stolze Größe, auch das Gewicht ist mit gewogenen 680 Gramm recht hoch, auch wenn es sich in Relation zur Größe nicht so schwer anfühlt. Interessanterweise gibt Canon ein viel höheres Gewicht von 730 Gramm an. Unsere drei Redaktionswaagen zeigten jedenfalls 677, 680 und 683 Gramm an.

Immerhin ist das Filtergewinde mit 67 Millimetern nicht allzu groß, die Frontlinse misst sogar nur 38 Millimeter im Durchmesser, so dass man sich vor Abschattungen durch Filter keinerlei Sorgen machen muss. Das Gewinde besteht jedoch wie das Gehäuse aus Kunststoff, man sollte also bei der Verwendung Vorsicht walten lassen. Außen an der Objektivfront befindet sich ein Bajonett für die mitgelieferte Streulichtblende. Diese besteht ebenfalls aus Kunststoff und wiegt lediglich 36 Gramm. Sie misst genau neun Zentimeter im Durchmesser und ist knapp über fünf Zentimeter lang. Die matte Riffelung auf der Innenseite soll Reflexionen verhindern. Die Blende rastet fest ein und muss mittels eines Knopfes entriegelt werden. Sie kann zum Transport umgedreht montiert werden und rastet auch dort sicher ein. Der Funktionsring wird dabei verdeckt, der Fokusring hingegen nur zum Teil, so dass er weitergenutzt werden kann.

Ebenfalls zum Lieferumfang gehört ein Objektivbeutel, der das Makro gut vor Kratzern schützt. Die Polsterwirkung ist hingegen nicht groß. Optional bietet Canon sogar eine Stativschelle an, die aber mit fast 190 Euro einen stolzen Preis hat. Wie es sich für ein Makro gehört, gibt es auch passende Blitze für Makroaufnahmen. Canon bietet einerseits den Zwillingsblitz MT-26EX-RT für gut 1.250 Euro an und andererseits den Ringblitz MR-14EX II, der mit seinen 600 Euro gegenüber dem Zwillingsblitz schon fast wie ein Schnäppchen wirkt. Allerdings benötigt man darüber hinaus noch einen 75 Euro teuren Adapter auf das 67 Millimeter große Filtergewinde.

Ausstattung

Für ein so teures L-Objektiv ist das Canon RF 100 mm F2.8 L Macro IS USM auch entsprechend gut und umfänglich ausgestattet. Das trifft sowohl auf die Features als auch die Bedienelemente zu, wobei die Zahl letzterer mit den Features zusammenhängt. So bietet es beispielsweise einen optischen Bildstabilisator, so dass auch Besitzer einer EOS R oder EOS RP davon profitieren. Immerhin fünf Blendenstufen längere Belichtungszeiten sollen damit möglich sein. In Kombination mit dem Sensor-Shift-Bildstabilisator der EOS R5 und R6 gibt Canon sogar bis zu acht Blendenstufen an, betont aber, dass bei näheren Motiven die Effektivität des Bildstabilisators nachlässt. Wir konnten aber bei einer Entfernung von zwei Metern bis zu sieben Blendenstufen länger belichten. Das sind immerhin 1,3 Sekunden statt der nach Faustregel ohne Bildstabilisator möglichen 1/100 Sekunde. Dabei ist jedoch bei weitem nicht mehr jedes Foto scharf, bei etwa 0,6 Sekunden Belichtungszeit, was immerhin sechs Blendenstufen länger als nach Faustregel möglich entspricht, war der Ausschuss jedoch gering. Zum Bildstabilisator gehört der unterste der drei auf der linken Seite befindlichen Schalter. Mit diesem lässt er sich an- und abschalten.

Zudem ist das Canon RF 100 mm F2.8 L Macro IS USM mit drei Einstellringen ausgestattet. Der vordere davon ist elf Millimeter breit und griffig geriffelt. Es handelt sich dabei um den im Canon-RF-System üblichen Funktionsring, der in Stufen rastet. Damit können verschiedene Einstellungen geändert werden, etwa die Blende, Belichtungskorrektur oder ISO-Empfindlichkeit. Das ist äußerst praktisch und verbessert die Ergonomie beziehungsweise Bedienbarkeit der Kamera-Objektiv-Kombination. Eine De-Click-Funktion besitzt der Einstellring hingegen nicht. Wer eine stufen- und geräuschlose Bedienung möchte, muss den Ring vom Service umbauen lassen. Immerhin geht das, kostet aber selbstverständlich Geld.

  • Bild Das Canon RF 100 mm F2.8 L Macro IS USM ist mit 15 Zentimetern Länge sehr groß, mit 680 Gramm aber sehr leicht, was dem Kunststoffgehäuse zu verdanken ist. [Foto: MediaNord]

    Das Canon RF 100 mm F2.8 L Macro IS USM ist mit 15 Zentimetern Länge sehr groß, mit 680 Gramm aber sehr leicht, was dem Kunststoffgehäuse zu verdanken ist. [Foto: MediaNord]

Beim Autofokus kommen gleich zwei Nano-Ultraschallmotoren (USM) zum Einsatz. Dieser Typ Motor ist unhörbar und arbeitet äußerst flott. Selbst wenn man in den Nahbereich fokussiert, springt der Autofokus quasi direkt auf das Motiv. Da es sich um einen internen Autofokus handelt, ändert sich dabei auch nicht die Baulänge des Objektivs. Canon verspricht zudem, dass quasi kein Fokusatmen auftritt. In der Praxis kommt es aber tatsächlich darauf an, in welchem Fokusbereich am arbeitet. Bei normalen Aufnahmeabständen von etwa einem halben Meter bis unendlich konnten wir tatsächlich so gut wie kein Fokusatmen feststellen. Im Makrobereich, vor allem unterhalb von 30 Zentimetern, sieht das jedoch anders aus. Da der Hintergrund dabei jedoch in Unschärfe verschwindet, stört das auch eher weniger.

Sehr praktisch ist der Fokuslimiter, der sich über den obersten der drei seitlichen Schalter steuern lässt. Damit kann gewählt werden, ob der gesamte Fokusbereich von 26 Zentimetern bis unendlich genutzt werden soll, ob erst ab einem halben Meter fokussiert werden kann oder nur im Nahbereich zwischen 26 und 50 Zentimetern. Die Entfernung stimmt übrigens sehr genau, 50 Zentimeter beträgt die Naheinstellgrenze mit Fokuslimiter auf 50 Zentimeter bis unendlich. 1:3,2 beträgt der Abbildungsmaßstab hier in etwa.

Lässt man das Objektiv hingegen bis auf die Naheinstellgrenze fokussieren, haben wir einen Abstand vom Motiv zum Bildsensor von 25,4 Zentimetern gemessen. Der Abstand der Objektivfront zum Motiv beträgt dabei etwa 8,5 Zentimeter. Damit konnten wir ein 2,5 mal 1,7 Zentimeter kleines Motiv formatfüllend abbilden, was einem Abbildungsmaßstab von 1:0,7 entspricht oder umgekehrt einer 1,44-fachen Vergrößerung. Das Canon RF 100 mm F2.8 L Macro IS USM vergrößert in der Praxis also minimal stärker als versprochen. Da Objektive in der Regel leichte Fertigungstoleranzen haben, kann das je nach Exemplar abweichen, die angegebene 1,4-fache Vergrößerung dürften aber in jedem Fall eingehalten werden.

Im Vollformatbereich ist diese starke Vergrößerung bei einem Autofokusobjektiv bisher einzigartig (Stand April 2022). Wer aber mit einer APS-C-Kamera oder einer Micro-Four-Thirds-Kamera und einem 1:1-Makro arbeitet, für den ist das nichts Weltbewegendes. Im Grunde vergrößert das 100er Makro an einer Vollformatkamera (fast) so stark wie ein 1:1-Makro an einer APS-C-Kamera. Nutzt man jedoch eine 45 Megapixel auflösende Kamera wie die Canon EOS R5, ist die erzielbare Auflösung auf Pixelebene gesehen schon enorm.

Wenn man manuell fokussieren möchte, braucht man nur den mittleren der drei seitlichen Schalter umzustellen. Die manuelle Fokussierung geht dank der nicht-linearen Funktionsweise des 24 Millimeter breiten Fokusrings, der mit einer 22 Millimeter breiten, griffigen Gummiriffelung versehen ist sowie des angenehmen Widerstands sehr gut von der Hand, zumal die EOS R5 mit einer Fokusskala, einer Fokuslupe sowie dem Fokuspeaking zahlreiche Einstellhilfen bietet. Der Fokusring arbeitet rein elektronisch und überträgt Stellbefehle an die Ultraschallmotoren. Durch den nicht-linearen Betrieb lässt sich bei langsamen Bewegungen eine langsame Übersetzung realisieren, während der Fokus bei kurzen, aber schnellen Bewegungen größere Bereiche schnell durchfährt. Auf Wunsch kann die Reaktion des Fokusrings über das Kameramenü auf einen linearen Betrieb umgeschaltet werden, was Videografen freuen dürfte.

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Autor

Benjamin Kirchheim

Benjamin Kirchheim, 44, schloss 2007 sein Informatikstudium an der Uni Hamburg mit dem Baccalaureus Scientiae ab. Seit 1998 war er journalistisch für verschiedene Atari-Computermagazine tätig und beschäftigt sich seit 2000 mit der Digitalfotografie. Ab 2004 schrieb er zunächst als freier Autor und Tester für digitalkamera.de, bevor er 2007 als fest angestellter Redakteur in die Lübecker Redaktion kam. Seine Schwerpunkte sind die Kameratests, News zu Kameras und Fototipps.