Vollformat-Telezoom

Testbericht: Panasonic S Pro 70-200 mm F4 OIS (S-R70200E)

2019-07-08 Sieht man einmal vom fast 6.000 Euro teuren 90-280mm-Objektiv von Leica ab, ist das mit unter 2.000 Euro relativ (zum Leica) günstige Lumix S Pro 70-200 mm F4 OIS das derzeit einzige Telezoomobjektiv für die Lumix S1 und S1R. Den dennoch recht hohen Preis angesichts der mit durchgehend F4 nur mäßigen Lichtstärke begründet Panasonic mit dem hohen Qualitätsanspruch des Objektivs, das immerhin das "Pro"-Kürzel trägt. Ob das Panasonic S Pro 70-200 mm F4 OIS dem allerdings auch gerecht wird, verrät unser Test.  (Benjamin Kirchheim)

  • Bild Das Panasonic Lumix S Pro 70-200 mm 1:4.0 O.I.S. ist das erste und derzeit einzige Telezopomobjektiv für die S1 und S1R, sieht man einmal von den äußerst teuren Leica-Objektiven ab. [Foto: Panasonic]

    Das Panasonic Lumix S Pro 70-200 mm 1:4.0 O.I.S. ist das erste und derzeit einzige Telezopomobjektiv für die S1 und S1R, sieht man einmal von den äußerst teuren Leica-Objektiven ab. [Foto: Panasonic]

Passend zur wuchtigen Lumix DC-S1R, an der wir das 18 Zentimeter lange und acht Zentimeter "dicke" S Pro 70-200 mm F4 OIS getestet haben, fällt auch das Objektiv vergleichsweise schwer aus. Satte 980 Gramm drückt es auf die Waage – ohne die mitgelieferte Stativschelle. Die wiegt nochmal 210 Gramm und die Streulichtblende bringt es auf 75 Gramm, sodass insgesamt mit Kamera satte 2,3 Kilogramm am Tragegurt zerren. Trotz des hohen Gewichts besteht das Gehäuse nicht einmal komplett aus Metall, sondern nur der hintere Teil, in dem auch die Aufnahme für die Stativschelle sitzt.

Die Schelle ist dankenswerterweise abnehmbar. Es gibt zwar Markierungen bei null sowie plus und minus 90 Grad für Hochformataufnahmen, jedoch rastet die Schelle nicht explizit ein. Zu bemängeln ist zudem, dass die Stativschelle vor dem Schwerpunkt sitzt, die Kombination ist also rücklastig, und zwar nicht nur ein wenig, sondern recht kräftig. Der Schwerpunkt liegt eigentlich im hinteren Bereich der Stativschellenaufnahme, deren Fuß macht jedoch einen Knick nach vorne, sodass der Schwerpunkt hinter der Auflage und erst recht hinter dem 1/4-Zoll-Stativgewinde sitzt. Ein größeres 3/8-Zoll-Gewinde gibt es nicht. Immerhin verfügt die Stativschelle über eine eingebaute Arca-Swiss-Aufnahme, ein Standard, der inzwischen herstellerübergreifend zur Anwendung kommt, wodurch der Fuß der Schelle direkt auf viele Stative passt.

Das Gehäuse des S Pro 70-200 mm F4 OIS ist gegen Staub und Spritzwasser abgedichtet. Zwischen Zoom- und Fokusring sowie vor dem Fokusring kommt Kunststoff als Material zum Einsatz, das aber einen tadellos verarbeiteten, robusten Eindruck macht. Er gibt an keiner Stelle nach oder knarzt, wenn man ihn stärker drückt. Auch das Filtergewinde besteht aus Kunststoff, was nicht ganz so schön ist. Immerhin ist der Durchmesser von 77 Millimetern identisch mit dem 24-105mm-Zoom sowie dem 50 mm F1.4, so dass man optisches Filterzubehör an allen drei Objektiven einsetzen kann.

Ausstattung

Im Prinzip ist das Lumix S Pro 70-200 mm F4 OIS eher spartanisch ausgestattet. Es kommt mit einem Schalter und zwei Einstellringen aus. Auf einen Blendenring verzichtet Panasonic hier genauso wie auf einen AF-Schalter – kein Wunder, letzterer sitzt prominent und für den Daumen gut erreichbar an der Kamerarückseite. Der Fokusring sitzt ganz vorne am Objektiv, besteht aus Metall und ist mit einem zwei Zentimeter breiten, griffig geriffelten Gummi überzogen. Er arbeitet rein elektronisch und ist mit einem angenehmen Einstellwiderstand versehen. Nicht zuletzt dank Fokuslupe und Fokuspeaking sowie der Fokusskala auf dem Kamerabildschirm, die allerdings nur eine Abschätzung der Entfernung zulässt anstatt sie digital anzuzeigen, lässt sich mit dem Ring angenehm manuell fokussieren.

  • Bild Zieht man den Fokusring des Panasonic Lumix S Pro 70-200 mm 1:4.0 O.I.S. nach hinten, erscheint eine Schärfeskala und der Einstellweg ist entsprechend begrenzt. So lässt sich auch gut manuell auf eine bestimmte Entfernung fokussieren. [Foto: Panasonic]

    Zieht man den Fokusring des Panasonic Lumix S Pro 70-200 mm 1:4.0 O.I.S. nach hinten, erscheint eine Schärfeskala und der Einstellweg ist entsprechend begrenzt. So lässt sich auch gut manuell auf eine bestimmte Entfernung fokussieren. [Foto: Panasonic]

Die Stellbefehle werden wahlweise mikrofein oder beim schnellen Drehen in größeren Schritten an den flüsterleisen Fokusmotor weitergegeben. Der Clou ist aber die Möglichkeit, den Fokusring mit einem satten "Klack!" einfach nach hinten ziehen zu können. Sofort wird nicht nur auf manuelle Fokussierung umgeschaltet, sondern auch eine Entfernungsskala erscheint. Mit einer Viertel-Umdrehung kann der gesamte Fokusbereich von unendlich bis 92 Zentimeter durchfahren werden. Der Endanschlag ist zwar jeweils spürbar, der Fokusring dreht aber, mit erhöhtem Widerstand, weiter. Übrigens bietet der zurückgezogene Fokusring weniger Widerstand als der nach vorne geschobene. So kann man auch ohne Hinsehen spüren, in welchem Fokusmodus man sich befindet. Ansonsten taugt die Viertel-Umdrehung nicht zum allerfeinsten manuellen Fokussieren. Man muss zwar nicht umgreifen, aber echte MF-Objektive haben hier ganz andere Stellwege. Deshalb ist es gut, dass man nach Umschaltung an der Kamera auch ohne begrenzten Einstellbereich und viel feinfühliger manuell fokussieren kann.

Der Autofokus arbeitet, wie bereits erwähnt, flüsterleise. Zudem packt er rasant zu und stellt innerhalb kürzester Zeit auf sein Ziel scharf. Hier ist das Lumix-S-System von Panasonic unter den spiegellosen Vollformat-Systemkameras derzeit mit Abstand am schnellsten beim Single-Autofokus. Beim Tracking-Autofokus sieht das hingegen schon wieder etwas anders aus. Für ein Kontrastsystem ist der DFD-Autofokus zwar sehr gut, hinkt aber je nach Motiv noch etwas hinter Hybridsystemen mit Phasen-AF zurück. An der Naheinstellgrenze von 92 Zentimeter erreicht das Objektiv immerhin einen maximalen Abbildungsmaßstab von 1:4, mit sich rund 15 mal zehn Zentimeter kleine Motive noch formatfüllen ablichten lassen. Das ist für ein Objektiv, das nicht für Makroaufnahmen vorgesehen ist, ein sehr ordentlicher Wert. Der Abstand der Frontlinse zum Motiv beträgt dabei 72 Zentimeter, mit Streulichtblende beträgt der Motivabstand von der Blende aus gemessen noch etwas mehr als 66 Zentimeter.

Bildstabilisator

Der einzige Schalter am Objektiv dient übrigens nicht der Autofokusumschaltung, sondern aktiviert und deaktiviert den optischen Bildstabilisator. Wie schon im G-System arbeitet auch das S-System mit einem Dual-IS, der die Vorteile der optischen Stabilisatoren von Objektiv und Sensor kombiniert. Vor allem im Telebereich stößt der Sensor-Shift an seine Grenzen, die der optische Stabilisator durch kombiniertes Arbeiten erweitert. Hierbei wird nicht etwa nur ein System eingesetzt, sondern beide gleichzeitig in Kombination. Dadurch ergibt sich eine bis zu sechs Blendenstufe effektive Bildstabilisierung, die in Kürze mittels Firmwareupdates sogar noch auf 6,5 Blendenstufen aufgebohrt werden soll. Der Bildstabilisator ist aber jetzt schon so effektiv, dass ein einmal anvisiertes Motiv wie festgenagelt steht. Wer gerne den Bildausschnitt mit halb gedrücktem Auslöser nochmal minimal korrigieren möchte, muss die Kamera schon sehr stark verschwenken. Bei 200 Millimeter Brennweite sind selbst bei einer 1/3,2 Sekunden langen Belichtungszeit noch hinreichend scharfe Aufnahmen möglich (entspricht sechs Blendenstufen länger als 1/200 Sekunde), bei 1/6 Sekunde waren die Aufnahmen nicht unschärfer als bei 1/25 Sekunde oder 1/200 Sekunde. Beim Bildstabilisator ist Panasonic damit im Vollformatbereich führend.

  • Bild Die abnehmbare Stativschelle des Panasonic Lumix S Pro 70-200 mm 1:4.0 O.I.S. ist Arca-Swiss-kompatibel. [Foto: Panasonic]

    Die abnehmbare Stativschelle des Panasonic Lumix S Pro 70-200 mm 1:4.0 O.I.S. ist Arca-Swiss-kompatibel. [Foto: Panasonic]

Genau in der Mitte des Panasonic S Pro 70-200 mm F4 OIS umgibt unübersehbar der vier Zentimeter breite Zoomring den Objektivtubus. Er ist fein geriffelt gummiert und damit äußerst griffig. Mit etwas weniger als einer Viertel Umdrehung wird der 2,9-fache Zoombereich von 70 bis 200 Millimeter durchfahren, wobei das Zoom rein innenliegend arbeitet. Somit steht die Frontlinse sowohl beim Zoomen als auch beim Fokussieren fest. Gut lesbare Markierungen zeigen die Brennweiten 70, 100, 135 und 200 Millimeter an, auf dem Bildschirm kann sie sogar millimetergenau eingeblendet werden, so wie wir uns das auch bei Fokusabstand wünschen würden.

Fortsetzung auf Seite 2

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Benjamin Kirchheim

Benjamin Kirchheim, 41, schloss 2007 sein Informatikstudium an der Uni Hamburg mit dem Baccalaureus Scientiae ab. Seit 1998 war er journalistisch für verschiedene Atari-Computermagazine tätig und beschäftigt sich seit 2000 mit der Digitalfotografie. Ab 2004 schrieb er zunächst als freier Autor und Tester für digitalkamera.de, bevor er 2007 als fest angestellter Redakteur in die Lübecker Redaktion kam. Seine Schwerpunkte sind die Kameratests, News zu Kameras und Fototipps.