Rubrik: Bildbearbeitung

Digitalfotos richtig nachschärfen – Teil 1

2012-01-16 Wenn ein Digitalfoto schlapp, verwaschen und detailarm wirkt, kann das mehrere Ursachen haben. Die häufigste: Das Bild ist nicht ausreichend nachgeschärft worden. Wurde ansonsten bei der Aufnahme alles richtig gemacht, reicht eine kleine Schärfungskur in einem Bildbearbeitungsprogramm, um einem faden Foto frisches Leben einzuhauchen. Dieser Fototipp klärt, warum ein Digitalfoto in der Regel nachgeschärft werden sollte und wie man dabei richtig vorgeht. Im zweiten Teil wird es dann darum gehen, wie sich Schärfeartefakte verhindern lassen und verwackelte oder falsch fokussierte Aufnahmen noch gerettet werden können.  (Martin Vieten)

Eine ungeschärfte RAW-Datei ist sehr weich und zeigt kaum Details. [Foto: Martin Vieten]Wer einen farbenprächtigen, detailreichen und knackig scharfen Print eines Digitalfotos in den Händen hält, denkt sicher in diesem Moment nicht daran: Bildsensoren einer Digitalkamera können von Haus aus nur Helligkeitsinformationen aufnehmen, Farbinformationen unterschlagen sie. Dieses Manko lässt sich auf unterschiedliche Weise beheben. Am häufigsten werden die einzelnen Sensorelemente mit einer Art Farbbrille versehen. 50 Prozent der Pixel enthalten dann die Grüninformationen einer Aufnahme, die andere Hälfte zeichnet Rot und Blau zu je gleichen Teilen auf. Um aus diesem Stückwerk ein Farbfoto entstehen zu lassen, muss der Bildprozessor einer Kamera (oder der RAW-Konverter am PC) die vollen Farbinformationen eines jeden Pixels aus den Werten seines Nachbars interpolieren. Dabei entstehen naturgemäß Rundungsfehler, die sich unter Anderem negativ auf die Bildschärfe auswirken. Hinzu kommen weitere unangenehme Eigenschaften von Bildsensoren, die einen schlechten Einfluss auf die Schärfe ausüben. Die Für nachträgliches Schärfen am PC, sollte die Schärfe in der Kamera reduziert werden. [Foto: Martin Vieten]puren Bilddaten, die nach der Digitalisierung des ursprünglich analogen Sensorsignals vorliegen, sind jedenfalls äußerst unansehnlich und erfordern noch eine intensive Aufbereitung.

Dass die schieren Sensordaten nachgeschärft werden müssen, ist also unabdingbar. Doch in welchem Maße? Eine einzige richtige Antwort lässt sich für diese Frage nicht finden. Das Portrait eines Mädchens im zarten Morgenlicht verträgt ohne Zweifel weit weniger Schärfe als ein Ferrari an der Startlinie. Die optimale Bildschärfe orientiert sich also am Motiv und an der gewünschten Bildaussage. Heutige Digitalkameras berücksichtigen dies bereits mit ihren Motivprogrammen. Doch das Motiv ist noch nicht alles, auch jedes Ausgabemedium verlangt nach seinen spezifischen Schärfungsparametern. Ein Foto, das für die Bildschirmausgabe nachgeschärft wurde, wirkt im Ausdruck auf Papier flach und kraftlos. Umgekehrt erscheint ein für die Printausgabe geschärftes Bild am Bildschirm unnatürlich und künstlich.

»Unscharf maskieren« mit typischen Werten für die Druckausgabe. [Foto: Martin Vieten]Abgesehen von den Profi-Modellen schärfen heutige Digitalkameras standardmäßig schon recht kräftig nach. Die Aufnahmen können so ohne weitere Nachbehandlung in ansehnlicher Qualität gedruckt werden. Die Kehrseite der Medaille: Werden in der Kamera bereits kräftig geschärfte Aufnahmen per Bildbearbeitungsprogramm nachbearbeitet, treten vormals unauffällige Schärfeartefakte plötzlich kräftig zu Tage. Wer seine Fotos nachbearbeiten möchten, sollte besser das Nachschärfen in der Kamera reduzieren, zum Beispiel von "Standard" auf "Neutral". Noch besser lässt sich die Schärfe nachträglich am PC regulieren, wenn im RAW-Format aufgezeichnet wird.

Heutige Bildbearbeitungsprogramme bieten eine Vielzahl an Schärfungsfiltern, darunter findet sich fast immer auch der Filter "Unscharf maskieren". Er geht nach einem einfachen jedoch immer noch sehr wirkungsvollen Prinzip vor: Unscharf maskieren sucht Kantenkontraste im Bild und verstärkt diese. Wie sehr die Kontraste an Hell-Dunkel-Übergängen angehoben werden sollen, stellt man in Photoshop und artverwandten Programmen mit dem "Stärke"-Regler ein. Der "Radius"-Regler gibt vor, wie weit die Kontrastanhebung in die Fläche hineinwirken soll. Und schließlich lässt sich mit "Schwellenwert" noch angeben, ob bereits feinste Kontrastsprünge berücksichtigt werden sollen, oder nur stark ausgeprägte Kantenkontraste angehoben werden sollen.

Selbst erfahrenen Bildbearbeitern fällt es nicht immer leicht, die optimalen Parameter für "Unscharf maskieren" zu ermitteln. Für ausgabebezogenes Schärfen hilft eine einfache Für die Bildschirmausgabe wird nur sehr vorsichtig nachgeschärft. [Foto: Martin Vieten]Faustregel: Die Stärke sollte ppi-Zahl/2 nicht überschreiten, der Radius wird auf ppi-Zahl/200 eingestellt. Ist geplant, ein Bild mit der üblichen Druckauflösung von 300 ppi auf Papier auszugeben, ergibt sich daraus: "Stärke: 150 %" sowie "Radius: 1,5 Pixel". Für die Ausgabe auf einem Monitor mit der Standard-Auflösung von 96 ppi lauten die Einstellungen (gerundet): "Stärke: 50 %" und "Radius 0,5 Pixel". Der "Schwellenwert" sollte stets so niedrig wie möglich eingestellt werden. Er muss nur angehoben werden, wenn durch das Schärfen Bildrauschen oder JPEG-Artefakte unangenehm hervorgehoben werden.

Unscharf maskieren oder andere Schärfebefehle sollten immer das letzte Glied in der Bildbearbeitungskette bilden. Idealerweise wird sogar zweimal geschärft: Einmal am Ende der eigentlichen Bildbearbeitung passend zum Motiv und dann ein zweites Mal, nachdem das Bild auf das gewünschte Ausgabemaß skaliert wurde. Dabei gilt: Das Ergebnis lässt sich nur in der 100%-Ansicht des Bildes optimal prüfen. Und nicht erschrecken, wenn sich dabei mit den Werten für eine knackig scharfe Printausgabe hässliche Artefakte zeigen: Was am Bildschirm so schlimm aussieht, geht im Ausdruck meist völlig in Ordnung. Wenn doch einmal zu kräftige Halos oder andere unerwünschte Begleiterscheinungen überhand nehmen, gibt es einfache Gegenmittel. Mehr dazu im zweiten Teil unseres Fototipps in Kürze hier auf digitalkamera.de.

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