Testbericht

Nikon D800

2012-04-14, aktualisiert 2012-04-16 Nach dreieinhalb langen Jahren stellt Nikon mit der D800 nun der D700, die weiterhin erhältlich ist, ein hoch auflösenden Schwestermodell an die Seite. Viel Zeit also, die D800 auf die Höhe der Zeit zu bringen. Dazu hat Nikon die D800 mit einem Vollformat-Sensor ausgestattet, der mit 36 Megapixel so hoch auflöst, wie noch keine Kleinbildkamera zuvor. Zudem erbt die D800 Autofokus-Modul und Belichtungsmesser des ebenfalls brandneuen Top-Modells D4, von dem sie weitgehend auch die Videofähigkeiten übernimmt. digitalkamer.de hatte als eine der ersten deutschsprachigen Publikationen die Gelegenheit, die D800 im hauseigenen Testlabor sowie im Praxiseinsatz intensiv zu testen.  (Martin Vieten)

Nikon D800 mit AF-S 24-70 mm 2.8 G IF ED [Foto: MediaNord]Ergonomie und Verarbeitung Ob die Nikon D800 eine Schönheit ist oder nicht – das liegt sicherlich vor allem im Auge des Betrachters. Sie ist zweifelsfrei eine Fotokamera, und zwar eine klassische, mit unverkennbaren Ähnlichkeiten zur D700. So bleibt es auch bei der D800 bei einem großen, fast schon wuchtigen Gehäuse mit hochaufragendem Prismendom sowie großem Sucherokular. Dieser Sucher deckt das Bildfeld zu 100 Prozent ab, er ist klar und hell, wie es sich für eine klassische Spiegelreflexkamera der Profi-Klasse gehört. In der Hand fühlt sich die D800 fast ebenso an wie ihre Vorgängerin, wenngleich sie knapp 100 Gramm weniger auf die Waage drückt. Doch auch mit einem Gewicht von rund 900 Gramm ohne Objektiv ist die D800 alles andere als ein Leichtgewicht, eben ein Arbeitsgerät und keinesfalls eine Kamera nur für den Schnappschuss zwischendurch. Dafür strahlt die Kamera eine unerschütterliche Robustheit aus, ihr Magnesiumgehäuse wirkt wie für die Ewigkeit gebaut. Im Detail hat Nikon das Gehäuse der D800 sinnvoll verbessert. So lässt sich das vordere Drehrad jetzt bequemer erreichen, übrigens bevorzugt mit dem Mittelfinger, so dass der Zeigefinger auf dem Auslöser ruhen bleibt. Die Lasche des ringförmigen Ausschalters liegt indes weiterhin zwischen Auslöser und vorderem Drehrad, wodurch der Hauptschalter zu leicht versehentlich betätigt werden kann. Prima dagegen, wie sanft und leise der Spiegelschlag bei der D800 ausfällt.

Die Bedienung hat sich im Vergleich zur Vorgängerin wenig geändert und bleibt Nikon-typisch: Zur Wahl der allermeisten Parameter sind beide Hände nötig oder zumindest zwei Finger. So stellt man den Aufnahmemodus am Drehrad ein, während die Mode-Taste gedrückt gehalten wird. Ganz ähnlich funktioniert auch die Vorgabe der ISO-Zahl, die Konfiguration des Weißabgleichs oder die Einstellung der Bildqualität. Nikon D800 [Foto: MediaNord]Das verhindert äußerst wirkungsvoll, dass sich die Kamera in der Hitze des Gefechts verstellt, erfordert aber praktisch immer beide Hände an der D800. Erleichtert wird die Konfiguration durch ein äußerst üppiges Status-Display auf der Oberseite der Kamera.

Wahlweise lassen sich die Einstellungen aber auch auf dem brillanten Display anzeigen. Dessen Diagonale ist leicht auf 3,2 Zoll gewachsen, die Auflösung beträgt weiterhin 921.000 Bildpunkte wie schon bei der D700. Von der Nikon D4 übernimmt das Display die neue Beschichtung, die ein Beschlagen wirkungsvoll unterdrücken soll. Es bleibt dabei, dass das Display fest verbaut ist, klappen oder schwenken lässt es sich nicht. Das ist etwas schade, da Nikon mit der D800 die Live-View-Funktion verbessert hat (mehr dazu im Abschnitt Objektiv). Auf Live-View wird wie schon bei der D7000 und D4 bequem mit einem dedizierten Drucktaster auf der Rückseite umgeschaltet, rund um den Taster liegt ein Ringschalter, der zwischen Foto- und Videomodus wechselt. Weichen musste dafür allerdings der Schalter zur Wahl der AF-Messmethode, sie ist jetzt ins umfangreiche Kameramenü gewandert. Zum Start einer Video-Aufnahme gibt es einen dedizierten Auslöser – er funktioniert allerdings erst, nachdem der Live-View-Modus auf "Video" umgestellt wurde.

Nikon D800 mit AF-S 24-70 mm 2.8 G IF ED [Foto: MediaNord]Auch bei der Menüführung bleibt alles wie gehabt. In den Menüs der D800 wird sich jeder Nikon-Fotograf sofort zurecht finden, sie stellen aber auch Umsteiger vor keine große Rätsel. Eher schon die Fülle an Einstell- und Konfigurationsmöglichkeiten, die sich hier findet. Die Menüs lassen sich zudem individuell konfigurieren, die persönlichen Einstellungen können auf Speicherkarte gesichert werden, von wo aus sie sich sodann auf eine zweite D800 übertragen lassen. Die Anschlüsse hat Nikon unter robusten Klappen verborgen, die satt schließen. Der schon fast wuchtige Handgriff nimmt von unten her einen leistungsstarken Akku auf, der nach CIPA-Standard für rund 900 Aufnahmen reicht. Dessen Klappe ist so angeordnet, dass das Akkufach auch bei angesetzter Schnellwechselplatte erreichbar ist – das Stativgewinde ist standesgemäß aus Edelstahl gefertigt und sitzt in der optischen Achse.

Ausstattung Nikon hat die D800 derart reichhaltig, ja geradezu schon opulent mit Funktionen ausgestattet, dass es leichter fällt, zu schreiben, was sie nicht hat. Zum Beispiel Motivprogramme oder gar die derzeit so modernen Kreativfunktionen. Wer darauf nicht verzichten will, kann immerhin im Wiedergabemodus nachträglich seine Aufnahmen mit einem Miniatureffekt versehen, sternförmige Spitzlichter hinzufügen oder Schwarzweiß-Bilder mit einer Farbe ("Color-Keying") erzeugen – um nur ein paar der Möglichkeiten zu nennen. Aber eben erst nachträglich. Die D800 richtet sich unverkennbar an Fotografen, die ihr Handwerk verstehen und wissen, welche Aufnahme-Parameter dem jeweiligen Motiv gerecht werden. Sie profitieren von einem neuen Belichtungsmesser, der sage und schreibe 91.000 Messpunkte aufweist. Das reicht sogar, dass der AF automatisch auf Gesichter scharf stellen kann. Ganz verschließt sich Nikon also dem Zeitgeist nicht. Dazu gehört auch, dass die D800 mit einer HDR-Automatik ausgestattet ist, die zwei unterschiedlich belichtete Fotos in rascher Folge aufnimmt und dann zu einem Bild mit erweitertem Dynamikumfang verschmilzt. Dabei lässt sich nicht nur die Belichtungsdifferenz der Einzelaufnahmen zwischen einer und drei Blendenstufen vorgeben, sondern auch der Radius, mit dem Kontrastunterschiede beim Tonemapping ausgeglichen werden. Weiterhin an Bord ist die D-Lighting-Funktion, die die Tonwertkurve an den Motivkontrast anpasst und so etwa die Schattenpartien aufhellt.

Nikon D800 Screenshot Wasserwaage [Foto: MediaNord]
Nikon D800 Screenshot Belichtung [Foto: MediaNord]
Nikon D800 Screenshot Active D-Lightning [Foto: MediaNord]
Nikon D800 Screenshot Bildwiedergabe [Foto: MediaNord]
Nikon D800 Screenshot Funktion des sekundären Fachs [Foto: MediaNord]
Die D800 erleichtert einem das Fotografieren mit vielen kleinen Ausstattungsdetails. Dazu gehört etwa ein künstlicher Horizont auf dem Live-View-Bildschirm, der zeigt, ob die Kamera in Quer- und Längsachse korrekt ausgerichtet ist. Im Sucher symbolisieren zwei Balkenanzeigen Abweichungen von der optimalen Lage. Ein Histogramm informiert im Live-View-Modus auf Wunsch über die Helligkeitsverteilung im Bild bei der aktuellen Belichtungseinstellung. Wie Nikons neues Topmodell D4 bietet auch die D800 zwei Speicherkarteneinschübe. Einer nimmt klassische CF-Cards auf, der anderen die kleineren Karten im SD-Format. Die Nutzung der Speicherkarten lässt sich vielfältig konfigurieren. So kann etwa die eine Karte RAW-Aufnahmen speichern, parallel dazu werden JPEG-Dateien auf die andere Karte geschrieben. Oder beide Karten speichern dieselben Dateien, so dass quasi bereits in der Kamera ein Backup entsteht. Natürlich kann auch ganz klassisch die eine Karte als Erweiterung der anderen dienen, so dass sich die Speicherkapazität erhöht. Ein Schacht für besonders schnelle XQD-Karten bleibt indes dem Spitzenmodell D4 vorbehalten.

Überaus üppig sind die Bildbearbeitungsmöglichkeiten, die die D800 im Wiedergabemodus bietet. So lassen sich RAW-Aufnahmen direkt in der Kamera zu JPEG-Fotos entwickeln, die Schatten via D-Lighting anheben oder rotgeblitzte Augen korrigieren. Sogar eine Perspektivkorrektur ist an Bord der D800, mit ihr lassen sich stürzende Linien minimieren, selbst eine Korrekturfunktion für tonnen- oder kissenförmige Verzeichnungen fehlt nicht. Im Gegensatz zu anderen Kleinbild-DSLR ihrer Preisklasse, hat Nikon die D800 mit einem kleinen Bordblitz ausgestattet, der mit seiner Leitzahl 12 zumindest als Aufheller im Nahbereich gute Dienste leistet. Und mehr: Im Verein mit drahtlos angebundenen Systemblitzgeräten dient der integrierte Blitz der D800 als Master für das Setup – ein weiterer externer Blitz ist also nicht notwendig. Selbstredend auch, dass die übrigen Blitzfunktionen der D800 alles bieten, was das Fotografenherz begehrt: Synchronisation auf den zweiten Vorhang, Langzeitsynchronisation, Stroboskopblitz und eine recht kurze Synchronzeit von 1/250 Sekunde.

Als eine der wenigen Kameras überhaupt kann die D800 vollautomatisch Fotos in festgelegten Intervallen aufnehmen. Wahlweise speichert sie die Intervall-Sequenz als Videodatei, so dass ein Zeitrafferfilm entsteht. A propos Film: Setzte bei der Videoaufzeichnung die Canon 5D MK II vor nahezu vier Jahren Maßstäbe, so erfüllt nun auch Nikon mit der D800 selbst große Wünsche und Anforderungen von Videographen: Sie zeichnet Videos mit einer maximalen Auflösung von 1.920 x 1.080 Bildpunkten (Full-HD) auf, verfügt über eine Anschlussmöglichkeit für ein externes Stereomikrofon und erlaubt es, den Tonpegel manuell auszusteuern. Da fällt es kaum ins Gewicht, dass das interne Mono-Mikrofon der Kamera eher nur ein Notbehelf ist. Anspruchsvolle Videofilmer werden sich schon eher daran stören, dass die D800 Video mit einer maximalen Framerate von lediglich 30 Vollbildern aufzeichnet – selbst einige einfachere Kameras beherrschen heutzutage die doppelte Framerate. Dafür entschädigt die D800 mit einer HDMI-Buchse, die den unkomprimierten Videostream direkt und ohne Umweg über die Speicherkarte ausgegeben kann. Wird hingegen bei der Videoaufnahme eine Speicherkarte eingelegt, überträgt die HDMI-Buchse das Live-View-Bild mit den eingeblendeten Aufnahmeinformationen auf einen externen Kontrollmonitor.

Bei der Serienbildaufnahme erweist sich die D800 eher als Dauerläuferin denn als Sprinterin. Ausgestattet mit dem Standard-Akku EN-EL15 nimmt die Kamera Bildserien mit eher gemächlichen ca. 4 Bildern pro Sekunde (fps) auf. Diese Rate hält sie dank ihres üppig bemessenen Pufferspeichers für rund 17 RAW-Aufnahmen beziehungsweise 45 JPEG-Fotos durch. Dabei informiert das Statusdisplay über die Anzahl der Fotos, die noch Platz im internen Pufferspeicher finden. Die recht gemächliche Gangart ist offenbar dem großen Datenvolumen geschuldet, dass der 36-Megapixel-Sensor liefert. Auf etwa 5 fps lässt sich die Serienbildrate im "1,2-fach-Modus" steigern. Die Kamera schaltet dann in einen Crop-Modus mit dem Verlängerungsfaktor 1,2, der daraus resultierende Bildausschnitt entspricht immer noch dem einer 25-Megapixel-Aufnahme. Wird die D800 zusätzlich mit dem optionalen Batteriehandgriff MB-D12 und AA-/Mignon-Zellen bestückt, steigt ihre Serienbildrate laut Nikon auf 6 fps – ein Wert, der zwar Sportfotografen immer noch nicht begeistert, aber doch für viele Action-Szenarien akzeptabel ist. 

Nikon D800 mit AF-S 24-70 mm 2.8 G IF ED [Foto: MediaNord]Objektiv Es liegt auf der Hand: Eine Kleinbild-DSLR mit 36 Megapixel Auflösung will mit adäquatem Glas bestückt werden (mehr dazu im Abschnitt Bildqualität). Wir hatten die Kamera vor allem mit dem Standardzoom NIKKOR 24-70mm 1:2.8G ED im Einsatz, hinzu gesellte sich das Makro-Objektiv NIKKOR 105 mm 1:2,8G VR sowie für eine kurze Fototour das NIKKOR 28-300 mm 1:3,5-5,6G ED VR. Als kleines Manko in der Praxis erwies sich dabei, dass das Standardzoom keinen Bildstabilisator aufweist. Nikon setzt nämlich auf einen optischen Stabilisator, stattet aber nicht jedes Objektiv mit dem Vibration-Reduction-System aus. Angesichts der extrem hohen Sensorauflösung der D800 kann sich bereits leichtestes Verwackeln negativ auswirken, die altbekannte Regel "Verschlusszeit = 1/Brennweite" sollte daher bei nicht-stabilisierten Objektiven besser mit einem Sicherheitsaufschlag zur nächstkleineren Verschlusszeit angewendet werden.

Nicht den geringsten Anlass zur Kritik bietet das Autofokus-System der D800. Von der D4 übernimmt sie das AF-Modul mit 51 Sensoren, wovon 15 als Kreuzsensoren ausgeführt sind. Elf Sensoren sind besonders lichtempfindlich und arbeiten bis zu einer Lichtstärke von F8. Da bei der immensen Sensorauflösung bereits kleinste Abweichungen von der Nikon D800 mit AF-S 24-70 mm 2.8 G IF ED [Foto: MediaNord]optimalen Fokuseinstellung sichtbare Unschärfe hervorrufen kann, lässt sich der AF der D800 für bis zu 20 Objektive feinjustieren. In der Praxis wesentlich bedeutender ist jedoch die Geschwindigkeit, mit der die D800 beim Druck auf den Auslöser scharf stellt und auslöst: Im Testlabor von digitalkamera.de war die Aufnahme spätestens nach 0,3 Sekunden im Kasten.

Besonders eindrucksvoll ist, wie Nikon bei der D800 den Autofokus im Live-View-Modus verbessert hat. Begleitet von einem sanften Spiegelschlag hat die Kamera nach rund einer Sekunde den Schärfepunkt gefunden und ausgelöst. Sein ganzes Potential entfaltet der Live-View-Betrieb indes dann, wenn manuell scharf gestellt werden soll. Das Sucherbild lässt sich nun bis in 23-facher Vergrößerung auf dem rückwärtigen Display anzeigen, der darzustellende Ausschnitt kann dabei frei gewählt werden. Dabei erweist sich allerdings als Manko, dass das Display nicht nach oben oder unten geklappt werden kann – zum Beispiel bei bodennahen Aufnahmen muss man sich also unter Umständen doch gehörig verrenken. Alles in allem hat sich jedoch der Live-View der D800 in der Praxis bewährt, auch bei automatischer Fokussierung. Sollte einmal das Nikon D800 mit AF-S 24-70 mm 2.8 G IF ED [Foto: MediaNord]Umgebungslicht für den Autofokus nicht ausreichen, assistiert ihm ein grellweißes Hilfslicht. Zum Glück lässt sich das aufdringliche Licht abschalten – nötig wird es sowieso erst bei wirklich widrigen Lichtverhältnissen, im Schummerlicht eines bayrischen Wirtshauses kam die D800 mühelos auch ohne den grellen Lichtschein klar.

Bildqualität Lange Zeit gab sich Nikon in Sachen Sensorauflösung eher konservativ, sieht man einmal von der angesichts ihres stolzen Preises wenig nachgefragten D3x
ab. Die D700 musste noch mit bescheidenden zwölf Megapixeln auskommen, während sich in der Mitteklasse der Vollformat-DSLRs 21 Megapixel und mehr Auflösung etablierten. Damit ist es nun vorbei, die D800 setzt sich mit ihrer Auflösung von 36 Megapixeln weit ab und dringt in Sphären vor, die bislang dem digitalen Mittelformat vorbehalten waren. So mancher Fotograf wird sich da nicht ganz zu Unrecht fragen, ob sich diese beeindruckende Pixelzahl überhaupt in einer entsprechenden Bildqualität niederschlägt. Um das zu klären, haben wir die D800 im Testlabor von digitalkamera.de auf Herz und Nieren geprüft. Das detaillierte und ausführlich kommentierte Testprotokoll kann gegen ein kleines Entgelt eingesehen werden und lässt sich als PDF-Dokument auf dem heimischen Rechner speichern. Zudem hatten wir Gelegenheit, die D800 im Studio und on Location auf den Prüfstand zu nehmen.

Nikon D800 Screenshot Bildbearbeitung [Foto: MediaNord]
Nikon D800 Screenshot Datenanzeige [Foto: MediaNord]
Nikon D800 Screenshot Fokus [Foto: MediaNord]
Nikon D800 Screenshot Fotograf [Foto: MediaNord]
Wie es sich für eine professionelle Kamera gehört, ist die D800 sehr zurückhaltend abgestimmt. Packende Kontraste und kreischend bunte Farben überlässt sie anderen, die D800 überzeugt dagegen mit ihrer Liebe zum Bilddetail und der Fähigkeit zu feinsten Farb- und Helligkeitsabstufungen. Der Ausgabe-Tonwertumfang bleibt bis etwa ISO 400 nahe beim theoretischen Maximum von 256 Abstufungen pro Kanal, aber selbst bei ISO 6.400 beträgt die Farb- und Helligkeitsauflösung noch akzeptable 7 Bit/Kanal. Nicht ganz so überzeugend ist die Eingangsdynamik, die D800 verarbeitet bis ISO 1.600 Helligkeitsunterschiede von ca. zehn Blendenstufen. Das ist ein guter Wert, aber kein überragender. Eine Rolle dürfte dabei aber die sehr ehrliche JPEG-Abstimmung spielen, bei entsprechend angepassten Tonwertkurven (etwa via D-Lighting) kommt die Kamera auch mit höheren Motivkontrasten noch klar – und wenn in RAW aufgezeichnet wird sowieso. Die Farbtreue der D800 ist ebenfalls sehr hoch, lediglich mit einigen Cyan- und Orange-Werten nahm es die Kamera im Labor nicht ganz so genau – eine kleine Nachlässigkeit, die in der Praxis kaum eine Rolle spielt.

Dass Nikon bei der D700 auf eine sehr moderate Auflösung setzte, bescherte dieser Kamera seinerzeit beachtliche High-ISO-Fähigkeiten. Kann die D800 in Sachen Rauscharmut mit Ihrer Vorgängerin mithalten, obwohl sich ihre Pixelzahl bei gleichbleibender Sensorfläche verdreifacht hat? Um es kurz zu machen: Sie kann. Und zwar nicht nur mithalten, die D800 überflügelt die D700 sogar. Nicht unbedingt messtechnisch, wenn beide Kameras pixelweise verglichen werden. Auf alle Fälle aber in der Praxis, sobald Aufnahmen aus der D800 auf das gewünschte Ausgabemaß herunterskaliert werden. Doch der Reihe nach: Im Labor steigt die Messkurve für das Luminanzrauschen der D800 bis ISO 1.600 kaum merklich an, erst bei noch höheren Empfindlichkeitseinstellungen wird mehr und mehr ein sehr feines Korn sichtbar. Die Korngröße bleibt bis zu hohen ISO 6.400 sehr konstant niedrig, erst darüber nimmt sie etwas zu. Nikon hat dabei die Rauschunterdrückung hervorragend abgestimmt, lässt lieber eine sanfte Körnung zu, anstatt mit dem Rauschen auch gleich feinste Bilddetails durch die Mangel zu drehen.

Ähnlich dezent greift die D800 in das Farbrauschen ein – es dürfte indes ab ISO 3.200 ruhig eine Spur beherzter angegangen werden, in homogenen Flächen zeigen sich hin und wieder leichte Farbwolken. Per Pixel betrachtet ist das Rauschen bei RAW-Dateien aus der D800 bis ISO 6.400 kaum stärker ausgeprägt als bei ihrer Vorgängerin. Reduziert man indes die Bildauflösung der Dateien aus der D800 auf die zwölf Megapixel der D700-Aufnahmen, zeigt die neue signifikant bessere Available-Light-Fähigkeiten. Bis ISO 6.400 lässt sich die D800 problemlos einsetzen, wenn eine Ausgabe-Auflösung von rund 4.000 x 3.000 Pixel reichen. Noch höhere ISO-Stufen bezeichnet Nikon nicht umsonst als "Erweiterten ISO-Bereich", für Web-Auflösung und kleinere Prints sind aber auch sie durchaus brauchbar.

Absolut beeindruckend ist dagegen das Auflösungsvermögen der D800. Bestückt mit dem 24-70/2.8 reißt sie geradeso die Marke von 70 Linienpaaren pro Millimeter (lp/mm) – allerdings nur im Bildzentrum. Zu den Bildrändern hin endet die Herrlichkeit jäh – bei 24 Millimeter Brennweite kommt das Zoomobjektiv nur bei optimaler Blende F11 über die Marke von 35 lp/mm hinaus. Ein Auflösungsverlust von rund 50 Prozent zum Bildrand hin ist einfach zu hoch. Zum Glück nimmt diese Schwäche des Standardzooms mit zunehmender Brennweite ab, bei 50 und 70 Millimetern bleibt der Auflösungsabfall gerade noch im Rahmen. Geradezu mustergütig zeigt sich in dieser Hinsicht übrigens das 105er-Makro, hier beträgt der Randverlust der Auflösung schlimmstenfalls gut 15 Prozent. Die hohe Sensorauflösung der D800 rückt indes ein Nikon D800 [Foto: MediaNord]Phänomen in den Vordergrund, das früher keine so große Rolle spielte: Schärfeverlust durch Beugung. Bei allen getesteten Objektiven nimmt das Auflösungsvemögen jenseits von F11 rapide ab – hier setzt die Physik einfach Grenzen, die sich nicht überwinden lassen.

In der Praxis stört der Randabfall der Auflösung vor allem bei Landschafts- und Architekturaufnahmen – also immer dann, wenn Schärfe über das gesamte Bildfeld gefordert ist und bevorzugt mit kurzen Brennweiten fotografiert wird. Die Randabdunklung des Standardzooms NIKKOR 24-70mm ist völlig unkritisch, bei kürzester Brennweitenstellung verzeichnet es allerdings ausgeprägt tonnenförmig. Sowohl Verzeichnung wie auch Vignettierung kann die D800 jedoch automatisch korrigieren – entweder schon gleich bei der Aufnahme oder mit der entsprechenden Bearbeitungsfunktion bei der Wiedergabe. Das gilt leider nicht für Chromatische Aberrationen, sie können im Extremfall als recht ausgeprägte Farbkonturen an Kontrastkanten auftreten.

Fazit Mit der D800 präsentiert Nikon eine hochauflösende Kleinbild-DSLR, die praktisch nichts falsch macht. Die Ausstattung der Kamera ist überragend, die Ergonomie nicht zuletzt dank brillanten 100-Prozent-Sucher hervorragend. Der 36-Megapixel-Sensor deklassiert in Sachen Auflösung und Detailwiedergabe die gesamte Konkurrenz und dringt in Sphären vor, die bislang dem digitalen Mittelformat vorbehalten waren. Dies gilt allerdings nur, solange die D800 mit adäquaten Linsen bestückt wird, das NIKKOR 24-70mm 1:2.8G ED zählt insbesondere im Weitwinkelbereich nicht dazu. Die High-ISO-Fähigkeiten der D800 sind angesichts der Nikon D800 Speicherkartenfach und Akkufach [Foto: MediaNord]Pixeldichte auf dem Sensor überraschend gut, bei auf zwölf Megapixel reduzierter Auflösung sogar exzellent. Deutlich verbessert hat Nikon im Vergleich zur vorherigen Generation der Top-Modelle die Videofähigkeiten und den Live-View-Betrieb. Letzterer glänzt durch einen akzeptabel schnellen Autofokus, der Live-View bei der D800 praxistauglich macht. Von der noch hochwertigeren D4 übernimmt die D800 das AF-Modul mit 51 Messfeldern sowie den Belichtungsmesser mit 91.000 Pixeln, der Gesichtserkennung ermöglicht. Das Gehäuse der Kamera ist zwar etwas wuchtig, beherbergt indes einen Bordblitz, der sogar als Master für drahtlos angebundene Blitzgeräte dienen kann. Unterm Strich empfiehlt sich die D800 damit als Allround-Kamera für höchste Ansprüche. Lediglich für Sport- und Action-Aufnahmen eignet sie sich angesichts einer bescheidenen Serienbildrate nur bedingt. Und im Studio-Einsatz wäre sie noch wertvoller, ließe sich das Display wenigstens klappen. 


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Kamera-Tests Auswahl

Hersteller
Kameras


Steckbrief
Hersteller Nikon
Modell D800
Preis ca. 4.400 EUR**
Sensor Auflösung 36,3 Megapixel
Max. Bildauflösung 7.360 x 4.912
(Seitenverhältnis) (3:2)
Objektiv AF-S Nikkor 24-70 mm 1:2.8 ED
Filtergewinde 77 mm
Sucher Pentaprisma-SLR
  Sichtfeld 100 %
  Vergrößerung 0,7-fach
  Dioptrienausgleich -3 bis +1 dpt.
LCD-Monitor 3,2"
  Auflösung 920.000
  drehbar
  schwenkbar
  als Sucher ja
Videoausgang AV und HDMI (je PAL/NTSC)
  als Sucher ja
Programmautomatik ja
Blendenautomatik ja
Zeitautomatik ja
manuelle Belichtung ja
  BULB-Langzeit-
  belichtung
ja
Motivprogramme
  Porträt
  Kinder/Baby
  Landschaft
  Makro
  Sport/Action
  weitere
Belichtungsmessung    Mehrfeld, mittenbetont Integral, Spot
Blitz ja
  Leitzahl 12 (Messung)
  Blitzanschluss Systemblitzschuh
Fernauslöser Kabel
Intervallaufnahme ja
Speichermedium SD/SDHC/SDXC, CompactFlash
Videomodus
  Format MOV
  Codec H.264/AVC
  Auflösung (max.) 1.920 x 1.080
  Bildfrequenz (max.) 30
Empfindlichkeit
  automatisch ISO 100-25.600 (Obergrenze einstellbar)
  manuell ISO 50-25.600
Weißabgleich
  Automatik ja
  Sonne ja
  Wolken ja
  Leuchtstofflampe ja
  Glühlampe ja
  Sonstiges Schatten, manuelle Farbtemperaturwahl
  Manuell ja
Autofokus
  Anzahl
  Messfelder
51
  AF-Hilfslicht weiß
  Geschwindigkeit ca. 0,3 s
Sprachen Deutsch
  weitere 23
Einschaltzeit ca. 0,2 s
Einhandbedienung
(Zoom und Auslöser)
Gewicht
(Betriebsbereit)
ca. 900 g (nur Gehäuse)
ca. 1.900 g (mit Objektiv**)
Serienbildfunktion*
  Serienbildanzahl 45 (JPEG)
17 (RAW)
  Frequenz
    (Bilder/s)
4,0 (JPEG)
4,2 (RAW)
  Dauerlauf
    (Bilder/s)
1,4 (JPEG)
1,2 (RAW)
  mit Blitz
Zoom
  Zoomverstellung am Objektiv
  Zoomstufen stufenlos
  Zeit WW bis Tele
Speicher-
geschwindigkeiten*

  JPEG 1,4 (9,1 MByte)
  RAW 2,6 s (32 MByte)
Auslösung während
d. Speicherns mögl.
ja
Akkulaufzeit ca. 900 Bilder (lt. CIPA)

– = "entfällt" oder "nicht vorhanden"
* mit Panasonic 4 GByte Gold SDHC Class 10 Speicherkarte
** mit Objektiv AF-S Nikkor 24-70 mm 1:2.8 ED

Kurzbewertung

  • Überragender Ausstattungsumfang
  • Überraschend hohe Rauscharmut
  • Integriertes Blitzgerät
  • Extrem hohe Sensorauflösung
  • Sehr gute Videofunktionen inklusive Live-Stream via HDMI
  • Display weder klapp- noch schwenkbar
  • Hohe Sensorauflösung stellt höchste Ansprüche an Objektive
  • Etwas geringe Serienbildrate (aber großer Puffer ermöglicht lange Sequenzen)

Testnoten

Note Anteil  Punkte
Verarbeitung 12,5 % 99 %
Ausstattung 12,5 % 100 %
Handhabung 12,5 % 91 %
Geschwindigkeit 12,5 % 91 %
Bildqualität 50,0 % 96 %
Gesamtnote 96 %