Aus dem digitalkamera.de-Testlabor

Bildqualität des "Leica"-Smartphones Huawei P9 getestet

2016-05-13 Vor wenigen Monaten, im Februar 2016, kündigten der traditionsreiche deutsche Kamerahersteller Leica und der chinesische Smartphonehersteller Huawei die Zusammenarbeit bei der Entwicklung von Smartphonekameras an. Bereits zwei Monate später erblickte das Huawei P9 als erstes Produkt dieser Zusammenarbeit das Licht der Welt. Als Besonderheit verfügt das P9 über eine Doppelkamera mit identischen Objektiven, wobei eine der Kameras mit einem Graustufensensor ausgestattet ist. Was liegt da näher, als ein Test der Bildqualität nach Digitalkamerastandards?  (Benjamin Kirchheim)

Auf das Smartphone selbst wollen wir an dieser Stelle nicht näher eingehen, sondern verweisen auf den Ersteindruck, der in unserem Schwestermagazin digitaleyes.de erschienen ist (siehe weiterführende Links). Stattdessen geht es gleich ans Eingemachte. Von der Doppelkamera merkt man als Anwender und Farbfotograf nichts, die Kamera verhält sich völlig normal, wobei die App aber eine präzise manuelle Steuerung von wichtigen Aufnahmeparametern wie der Belichtungszeit und ISO-Empfindlichkeit erlaubt. Wie bei Smartphonekameras üblich, besitzt die Kamera hingegen eine feste Blende, in diesem Fall mit F2,2. Im Gegensatz zu vielen anderen Smartphones, die gerne von der manuell eingestellten ISO-Empfindlichkeit abweichen, nimmt das P9 auch tatsächlich mit der eingestellten ISO-Empfindlichkeit auf. Zum Vergleich beziehungsweise der Einordnung der Bildqualität soll uns das iPhone 6S Plus dienen, das von der Bildqualität her mit zu den besten Smartphones gehört.

  • Bild Die Dual-Kamera des Huawei P9 soll neue Möglichkeiten bei der Smartphone-Fotografie eröffnen. Eine Kamera ist mit einem normalen RGB-Farbsensor bestückt, die zweite Kamera besitzt einen Graustufen-Sensor. [Foto: Huawei]

    Die Dual-Kamera des Huawei P9 soll neue Möglichkeiten bei der Smartphone-Fotografie eröffnen. Eine Kamera ist mit einem normalen RGB-Farbsensor bestückt, die zweite Kamera besitzt einen Graustufen-Sensor. [Foto: Huawei]

Dass Objektivfehler wie Verzeichnung, Randabdunklung und Farbsäume kaum bis gar nicht auftreten, verwundert kaum, lassen sich diese doch gerade bei Festbrennweiten leicht optisch wie digital minimieren. Die Auflösung ist für eine zwölf Megapixel auflösende Kamera mit gut 40 Linienpaaren pro Millimeter bei 50 Prozent Kontrast im Bildzentrum sehr gut. Am Bildrand fällt die Auflösung moderat um gut 25 Prozent ab. Damit gibt es reichlich Auflösung für knackscharfe Ausdrucke in DIN-A4 und sogar noch etwas größer. Im Vergleich zum ebenfalls zwölf Megapixel auflösenden iPhone liegt die tatsächliche Auflösung damit sogar etwas höher. Dafür zeigt das P9 deutlich stärkere Schärfeartefakte. So sind an Kontrastkanten durchaus Doppelkonturen zu sehen. Das iPhone mit seiner zurückhaltenderen Schärfung macht hier einen deutlich natürlicheren Bildeindruck. Mit der starken Nachschärfung, die aber nicht kritisch ist, sind die JPEG-Bilder eher zur direkten Verwendung als zur Weiterverarbeitung zu empfehlen. Wer seine Bilder gerne bearbeiten möchte, sollte parallel im DNG-Rohdatenformat speichern, was mit dem P9 kein Problem ist.

Am Objektiv gibt es also nichts auszusetzen. Wie aber schneidet der Sensor ab beziehungsweise wann wird der Effekt der zweiten, lichtempfindlicheren Graustufenkamera sichtbar? Auffällig bei den Messkurven wie Signal-Rauschabstand oder Dynamikumfang ist die Tatsache, dass der Messwert von ISO 50 bis 200 wie üblich leicht fällt, bei ISO 400 stärker einknickt und bei ISO 800 plötzlich sogar den Wert von ISO 50 wieder erreicht oder sogar leicht überflügelt. Ganz offensichtlich kommt der zweite Bildsensor erst ab ISO 800 zum Einsatz, obwohl dies schon bei ISO 400 nicht schaden würde. Bei ISO 1.600 sinken die Messwerte aber sogleich wieder deutlich, wenn auch noch nicht kritisch, was die Grenzen der kleinen Bildsensoren aufzeigt. Durch diesen Push-Effekt der zweiten Kamera kann das Huawei P9 vor allem bei hohen ISO-Empfindlichkeiten eine bisher nicht gekannte Bildqualität liefern und lässt das iPhone 6S Plus weit hinter sich. Es braucht schon eine gute Kompaktkamera mit 1"-Sensor, um das P9 bei ISO 800 und höher zu überflügeln.

Bei allen ISO-Empfindlichkeiten bewegt sich der Signal-Rauschabstand des Huawei P9 im akzeptablen Bereich von 35 bis 40 dB und unterschreitet damit die kritische Marke von 35 dB nicht. Das Helligkeitsrauschen bleibt über das gesamte Empfindlichkeitsspektrum kaum sichtbar, das Farbrauschen fällt noch geringer aus. Dass die Rauschunterdrückung dabei teilweise gut zu arbeiten hat, zeigt die Messung der Texturschärfe (siehe Diagramm aus dem Labortest unten). Aber erst bei ISO 1.600 verliert das P9 an Details, ohne dabei zu weiche Bilder zu produzieren. Nur bei ISO 3.200 sind die Bilder deutlich weicher und detailärmer. Die Eingangsdynamik bewegt sich von ISO 50 bis 200 mit knapp unter zehn Blendenstufen im guten Bereich, knickt bei ISO 400 aber auf unter neun Blendenstufen deutlich ein, bevor die helligkeitsempfindlichere zweite Kamera den Dynamikumfang bei ISO 800 und 1.600 über die Marke von zehn Blendenstufen hebt. Auch bei ISO 3.200 bleibt der Dynamikumfang mit über neun Blendenstufen gut. Der gesamte Labortest mit allen Diagrammen kann übrigens über die weiterführenden Links abgerufen werden, bei Smartphones wie dem Huawei P9 ist das – im Gegensatz zu den Labortests der "richtigen" Digitalkameras – sogar kostenlos.

  • Bild Abgesehen von der Leica-Kamera ist das Huawei P9 ein ganz gewöhnliches High-End-Smartphone mit großem 5,2"-Touchscreen und edler Verarbeitung. [Foto: MediaNord]

    Abgesehen von der Leica-Kamera ist das Huawei P9 ein ganz gewöhnliches High-End-Smartphone mit großem 5,2"-Touchscreen und edler Verarbeitung. [Foto: MediaNord]

Die Tonwertkurve des P9 verläuft erstaunlich linear und steht mit dieser Zurückhaltung im Kontrast zur kräftigen Scharfzeichnung. Vielleicht würde etwas weniger Scharfzeichnung und dafür eine steilere Kontrastkurve sogar für noch gefälligere Bilder sorgen. Der Tonwertumfang jedenfalls bewegt sich im guten bis akzeptablen Bereich, ohne richtig gut oder schlecht zu werden. Mit der Farbtreue dagegen ist es nicht so weit her. Gelb ist stark grünstichig, Orange viel zu Gelb und Violett sieht eher Magenta aus. Andere Farbtöne hingegen sind neutraler. Eine klassische Farbabweichung wären eher gesättigtere warme Farbtöne kombiniert mit einem Richtung Blau tendierenden Cyan, um kräftiges Himmelsblau und leuchtende Farben zu erzeugen. Was Huawei mit dieser Farbabstimmung bezweckt, ist hingegen nicht so klar. Fest steht aber, dass auch die Farbenvielfalt von den zwei Kameras profitiert, obwohl eine davon nur in Graustufen aufzeichnet. Bei niedrigen ISO-Empfindlichkeiten werden bis zu vier Millionen Farben dargestellt. Der Wert sinkt kontinuierlich auf etwa zwei Millionen bei ISO 3.200, ein immer noch ziemlich guter Wert.

Fazit

Für ein Smartphone liefert das Huawei P9 eine verdammt gute Bildqualität, die bei niedrigen Empfindlichkeiten auf dem Niveau eines iPhone 6S Plus oder einer Kompakt-Digitalkamera mit kleinem Sensor liegt. Bei hohen Empfindlichkeiten hingegen wird die Konkurrenz deutlich überflügelt und es braucht schon eine gute Digitalkamera mit 1"-Sensor, um das Huawei P9 zu schlagen. An der Bildabstimmung hingegen dürfte Huawei gerne noch ein wenig feilen. Die Nachschärfung fällt kräftig aus, während die Kontrastkurve etwas lasch abgestimmt ist. Hinzu kommt die kräftige Abweichung bei einigen Farbtönen, die keinen Sinn ergibt. Das soll jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das P9 eine beeindruckende Bildqualität abliefert. Wer die JPEG-Bildabstimmung absolut nicht mag, kann sogar auf das DNG-Rohdatenformat zurückgreifen und mit einem großen Bildbearbeitungsprogramm wie Photoshop, Lightroom oder anderen RAW-Konvertern selbst Hand anlegen.

Huawei P9

Texturschärfe


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Autor

Benjamin Kirchheim

Benjamin Kirchheim schloss 2007 sein Informatikstudium an der Uni Hamburg mit dem Baccalaureus Scientiae ab. Seit 1998 war er journalistisch für verschiedene Atari-Computermagazine tätig und beschäftigt sich seit 2000 mit der Digitalfotografie. Ab 2004 schrieb er zunächst als freier Autor und Tester für digitalkamera.de, bevor er 2007 als fest angestellter Redakteur in die Lübecker Redaktion kam. Seine Schwerpunkte sind die Kameratests, News zu Kameras und Fototipps.