Hochlichtstarkes Vollformat-Porträtobjektiv

Testbericht: Canon RF 85 mm F1.2L USM

2019-10-08 Canon setzt bei seinem spiegellosen R-Vollformatsystem überwiegend auf prestigeträchtige, hochlichtstarke Objektive. Jüngster Spross ist das RF 85 mm F1.2L USM, also ein klassisches Porträtobjektiv. Wobei man hier zugeben muss, dass Canon im Gegensatz zum F2 lichtstarken 28-70mm ein 85 mm F1.2 auch für seine Spiegelreflexkameras anbietet. Aber das spiegellose Objektiv soll mit einer hohen Bildqualität bereits ab Offenblende punkten. Wir haben das 3.000-Euro-Objektiv getestet.  (Benjamin Kirchheim)

  • Bild Neben einem zwei Zentimeter breiten Fokusring bietet das Canon RF 85 mm F1.2L USM noch einen ein Zentimeter breiten, gerasterten Einstellring. [Foto: Canon]

    Neben einem zwei Zentimeter breiten Fokusring bietet das Canon RF 85 mm F1.2L USM noch einen ein Zentimeter breiten, gerasterten Einstellring. [Foto: Canon]

  • Bild Mit den seitlichen Schiebeschaltern kontrolliert man beim Canon RF 85 mm F1.2L USM den Fokusmodus und dessen Einstellbereich. [Foto: Canon]

    Mit den seitlichen Schiebeschaltern kontrolliert man beim Canon RF 85 mm F1.2L USM den Fokusmodus und dessen Einstellbereich. [Foto: Canon]

Verarbeitung

Wuchtig ist beim Canon RF 85 mm F1.2L USM nicht nur der Preis. Satte 1,2 Kilogramm bringt es auf die Waage, dagegen wirkt die Testkamera, eine EOS R, mit ihren 650 Gramm federleicht. So zerren insgesamt über 1,9 Kilogramm (samt Gegenlichtblende) am Kameragurt. Auch der Durchmesser ist mit knapp über zehn Zentimeter enorm, wird aber von der Länge mit fast zwölf Zentimetern sogar noch übertroffen. Bei dem Preis und Gewicht wundert man sich aber schon, dass das Gehäuse aus Kunststoff besteht. Es ist zwar gut verarbeitet, aber man hat dennoch nicht das Gefühl, ein 3.000-Euro-Objektiv in der Hand zu halten.

Das Bajonett hingegen besteht selbstverständlich aus Metall und ist von einer Dichtlippe umgeben. Überhaupt ist das ganze Objektiv gegen Staub und Spritzwasser geschützt. Das Filtergewinde wiederum, dessen Durchmesser stolze 82 Millimeter beträgt, besteht ebenfalls aus Kunststoff. So auch die mitgelieferte Streulichtblende, die eher wie ein Joghurtbecher ohne Boden wirkt. Sie ist knapp über sieben Zentimeter lang und misst gut 11,5 Zentimeter im Durchmesser. Zum Transport kann sie umgedreht am Objektiv montiert werden.

Bedienung

Um an die Bedienringe zu kommen, muss die Streulichtblende zwingend abgenommen oder richtig herum montiert werden, die beiden seitlichen Schalter hingegen werden nur teilweise verdeckt, sind für spontane Schnappschüsse fauler Fotografen also noch erreichbar. Im Verhältnis zur Gesamtgröße wirkt der manuelle Fokusring mit einer Breite von zwei Zentimetern geradezu schmal, reicht aber völlig aus und ist griffig geriffelt und gummiert. Der Ring arbeitet rein elektronisch und gibt Steuerbefehle an den Objektivprozessor weiter, der diese wiederum in Befehle für den Fokusmotor umrechnet. Der Ring dreht sich recht leicht und besitzt keinen Anschlag und auch keine Markierungen. Stattdessen muss man sich auf die Fokusskala auf dem Bildschirm beziehungsweise im Sucher verlassen. Dank Fokuslupe, feinfühligem Ring und Fokuspeaking sowie der geringen Schärfentiefe lässt sich das RF 85 mm F1.2L USM hervorragend manuell fokussieren.

  • Bild Das Canon RF 85 mm F1.2L USM besitzt eine riesige Frontlinse. Das 82 mm Filtergewinde besteht, wie das gesamte Gehäuse, allerdings nur aus Kunststoff. [Foto: MediaNord]

    Das Canon RF 85 mm F1.2L USM besitzt eine riesige Frontlinse. Das 82 mm Filtergewinde besteht, wie das gesamte Gehäuse, allerdings nur aus Kunststoff. [Foto: MediaNord]

Bei dem massigen Objektiv spürt man dennoch, wie der Fokus sich bewegt, ohne dass man ihn akustisch wahrnimmt. Im Autofokusbetrieb, umgeschaltet wird über den seitlich angebrachten Schiebeschalter, bemerkt man die Beschleunigung und das Abbremsen der bewegten Massen noch mehr, dennoch fokussiert das Objektiv recht flott und leise, auch an der Präzision gibt es nichts auszusetzen. Wer möchte, kann den Fokusbegrenzer per Schiebeschalter seitlich über dem AF-MF-Schalter aktivieren, damit steigt die Naheinstellgrenze von 85 Zentimetern auf 1,5 Meter, was unter Umständen für einen flotteren Fokus sorgt. Übrigens profitiert der Porträtfotograf hervorragend vom Gesichts- und Augen-Autofokus, so kann man auch im Eifer des Gefechts bei offenen Blenden sicher sein, dass der Fokus auf dem Auge und nicht etwa der Augenbraue oder der Nase sitzt. Wie für ein typisches Porträtobjektiv ist die Naheinstellgrenze groß und der Vergrößerungsfaktor mit 0,12-fach entsprechend gering, für Nah- oder gar Makroaufnahmen ist das Objektiv also weder gebaut, noch geeignet.

Zusätzlich zum Fokusring besitzt das Canon RF 85 mm F1.2L USM noch einen fein geriffelten, aber nicht gummierten Einstellring ziemlich weit vorne am Objektiv. Dieser rastet hör- und spürbar in feinen Schritten (das Rasten kann vom Canon-Service deaktiviert werden). Hier kann man sich Funktionen wie die Blendeneinstellung, Belichtungskorrektur oder ISO-Empfindlichkeit drauflegen, um sie direkt verstellen zu können.

Bildqualität

Hauptsächlich kauft man ein Porträtobjektiv, insbesondere ein so lichtstarkes, aber für seine Bildqualität und natürlich das Bokeh, also eine schöne Hintergrundunschärfe. Hier lässt sich das Canon RF 85 mm F1.2L USM, das über neun abgerundete Blendenlamellen verfügt, nicht lumpen und bildet den Hintergrund butterweich und frei von Farbsäumen ab. Die verbaute BR-Optik (Blue Spectrum Refractive) verrichtet also hervorragend ihren Dienst, denn sie ist für die Korrektur der Farbsäume im Unschärfebereich hauptverantwortlich. Im Vordergrund hingegen wirkt das Bokeh etwas unruhiger. Im Gegenlicht bleiben die Kontraste hoch, es können sich je nach Winkel zur Sonne aber durchaus Lensflares zeigen, die angesichts der großen Blendenöffnung eher als großflächiger Schleier denn als punktförmige Reflexe auftreten. Die ASC-Vergütung (Air Sphere Coating) arbeitet also gut, aber nicht perfekt.

  • Bild Wie wuchtig das Canon RF 85 mm F1.2L USM ist, sieht man an der EOS R. Mit Sonnenblende wiegt das Objektiv gut doppelt so viel wie die Kamera. [Foto: MediaNord]

    Wie wuchtig das Canon RF 85 mm F1.2L USM ist, sieht man an der EOS R. Mit Sonnenblende wiegt das Objektiv gut doppelt so viel wie die Kamera. [Foto: MediaNord]

Bei der Bildqualität in der Praxis und im Labor schneidet das Canon RF 85 mm F1.2L USM erwartungsgemäß hervorragend ab. Verzeichnung oder Farbsäume treten nicht auf und auch die Randabdunklung ist minimal. Die optische Konstruktion aus 13 Linsen in neun Gruppen mit asphärischen und UD-Linsen verrichtet zusammen mit der kamerainternen Korrektur also hervorragende Dienste. Auch die Auflösung gibt keinen Anlass zur Kritik. Bereits ab Offenblende erreicht das Objektiv im Bildzentrum bei 50 Prozent Kontrast über 70 Linienpaare pro Millimeter (lp/mm), am Bildrand sind es fast 60. Das Auflösungsmaximum wird schon bei F2 und F2,8 mit knapp 77 lp/mm erreicht, bis F8 hält sich die Auflösung im Bildzentrum bei über 70 lp/mm.

Am Bildrand wird erst bei F5,6 und F8 das Auflösungsmaximum mit 67 lp/mm erreicht, zwischen F2 und F11 liegt sie bei über 60 lp/mm (siehe Diagramm aus dem Labortest unten). Man kann das Objektiv praktisch bedenkenlos von Offenblende F1,2 bis F8 einsetzen, auch bei F11 ist die Auflösung noch sehr gut. Die gleichmäßigste und höchste Auflösung über das Bildfeld wird bei F8 erreicht, falls mal jemand eine Landschaft mit dem Porträtobjektiv aufnehmen möchte.

Fazit

Für den hohen Preis von knapp 3.000 Euro erhält man ein sehr wuchtiges, schweres, aber dafür vor allem optisch hervorragendes Objektiv. Am ehesten kann man die gefühlte Gehäusequalität bemängeln (Kunststoff), was aber nicht heißt, dass es nicht robust wäre, Staub und Spritzwasser sollen dank der Dichtungen draußen gehalten werden. Der Autofokus arbeitet schnell und leise, man spürt aber die bewegten Massen. Auch die manuelle Fokussierung gelingt problemlos und präzise. Optische Fehler wurden hervorragend auskorrigiert und auch die Auflösung ist bereits ab Offenblende sehr gut bis hervorragend. In der Paradedisziplin, dem Bokeh, kann das Canon RF 85 mm F1.2L USM ebenfalls überzeugen und ist damit eine klare Empfehlung für alle, die einerseits diese optische Leistung bei einem Porträtobjektiv wünschen und andererseits das nötige "Kleingeld" haben.

Canon RF 85 mm F1.2L USM mit Canon EOS R (v6.0)

Auflösung MTF


EOS R

F1,2F1,4F2,0F2,8F4,0F5,6F8,0F11,0F16,0
85 mm Bildmitte71,6 lp/mm73,3 lp/mm76,7 lp/mm76,4 lp/mm74,4 lp/mm72,6 lp/mm70,3 lp/mm65,3 lp/mm55,8 lp/mm
85 mm Bildrand57,8 lp/mm57,7 lp/mm60,7 lp/mm63,4 lp/mm65,1 lp/mm67,4 lp/mm67,3 lp/mm60,3 lp/mm52,8 lp/mm

Im digitalkamera.de-Testlabor werden mit Hilfe der Software DxO Analyzer verschiedene Bildqualitätsparameter gemessen. Der Labortest mit klar gestalteten und leicht verständlichen Diagrammen, Erklärungstexten sowie einer ausführlichen PDF-Datei zum Archivieren und Ausdrucken kostet 1,40 EUR im Einzelabruf für eine Kamera und 0,50 EUR für ein Objektiv. Flatrates, die den Zugriff auf das gesamte Labortest-Archiv erlauben, sind ab 2,08 EUR pro Monat buchbar. Eine Flatrate hat keine automatische Verlängerung und wird im Voraus für einen festen Zeitraum gebucht und bezahlt.

Hersteller Canon
Modell RF 85 mm F1.2L USM
Preis (UVP) 2.999,00 EUR
Bajonettanschluss Canon RF
Brennweite 85,0 mm
Lichtstärke (größte Blende) F1,2
Kleinste Blendenöffnung F16
KB-Vollformat ja
Linsensystem 13 Linsen in 9 Gruppen
inkl. ED und asphärische Linsen
Anzahl Blendenlamellen 9
Naheinstellgrenze 850 mm
Bildstabilisator vorhanden nein
Autofokus vorhanden ja
Wasser-/Staubschutz ja
Filtergewinde 82 mm
Abmessungen (Durchmesser x Länge) 103 x 117 mm
Objektivgewicht 1.190 g

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Objektiv-Tests Auswahl

Hersteller
Modell

Kurzbewertung

  • Wunderschönes Bokeh
  • Praktisch keine optischen Fehler
  • Hervorragende Auflösung bereits ab Offenblende
  • Spritzwasser- und staubgeschützt
  • Das Gehäuse besteht lediglich aus Kunststoff
  • Groß und schwer
  • Hoher Preis

Autor

Benjamin Kirchheim

Benjamin Kirchheim, 41, schloss 2007 sein Informatikstudium an der Uni Hamburg mit dem Baccalaureus Scientiae ab. Seit 1998 war er journalistisch für verschiedene Atari-Computermagazine tätig und beschäftigt sich seit 2000 mit der Digitalfotografie. Ab 2004 schrieb er zunächst als freier Autor und Tester für digitalkamera.de, bevor er 2007 als fest angestellter Redakteur in die Lübecker Redaktion kam. Seine Schwerpunkte sind die Kameratests, News zu Kameras und Fototipps.