Kompakttest

Nikon D810

2014-07-21 Das ist ungewöhnlich: Nikon löst bereits nach rund 24 beziehungsweise 18 Monaten die bisherigen Vollformatboliden D800 und D800E ab. Üblicherweise bleiben Kameras in dieser Kategorie mehrere Jahre am Markt, bevor ein Nachfolgemodell kommt. Doch genau dieses hat Nikon mit der D810 bereits vor kurzem angekündigt. Da wundert es wenig, dass die D810 keine revolutionär neue Kamera ist, sondern in erster Linie das Konzept der D800/D800E behutsam fortentwickelt. Dazu übernimmt sie eine Reihe von Funktionen, die Nikon erst kürzlich mit der D4S eingeführt hat, etwa den neuen Bildbearbeitungsprozessor Expeed 4. Wie schon die D800E verzichtet die D810 auf einen Tiefpassfilter, der Moiré minimiert, aber auch die Auflösung begrenzt. digitalkamera.de hatte bereits Gelegenheit, die Neuerungen der D810 ausführlich zu begutachten und der 36-Megapixel-Kamera im Testlabor auf den Zahn zu fühlen.  (Martin Vieten)

Nikon D810 [Foto: MediaNord]Ergonomie und Verarbeitung Die Nikon D810 löst zwar die Modelle D800 und D800E ab, doch man muss schon genau hinsehen, um die Neue von ihren Vorgängerinnen unterscheiden zu können. Eine kleine Änderung gibt es zum Beispiel bei der Schaltergruppe links über dem Wählrad für den Bildfolgemodus: Sie erlaubt jetzt den schnellen Zugriff auf die Messmethode des Belichtungsmesser, weichen musste dafür der Knopf zur Konfiguration der Belichtungsreihen. Ähnlich klein, aber im Detail durchaus interessant, fallen auch die Neuerungen bei der Ausstattung aus, sodass dieser Kompakttest vor allem aufzeigt, was Nikon bei der D810 im Vergleich zur D800/D800E alles geändert und verbessert hat. Ausführlich getestet haben wir die D800 im Frühjahr 2012 (siehe weiterführende Links).

Wer bislang mit der D800/D800E gearbeitet hat, wird sich bei der neuen D810 sofort zuhause fühlen. Die Kamera wirkt zwar etwas wuchtig, liegt aber wie angegossen in der Hand. Obwohl Nikon Gehäuseform und -maße nicht geändert hat, ist die D810 ein paar Gramm leichter geworden. Geblieben ist es dagegen beim formidablen optischen Sucher, der 100 Prozent des Sichtfelds abdeckt und groß sowie hell ist. Verbessert hat Nikon das Display: Zwar bleibt es bei einer Diagonalen von 3,2 Zoll, schwenken oder klappen lässt sich der Monitor wie gehabt nicht. Aber die Auflösung steigt nun auf 1.229.000 dots, Nikon D810 [Foto: MediaNord]weil sich zu den üblichen RGB-Subpixeln noch weiße hinzu gesellen. Sie sorgen dafür, dass die Monitordarstellung noch brillanter und heller wird als bei der Vorgängerin. Das macht sich besonders beim Live-View-Betrieb im hellen Sonnenschein positiv bemerkbar. Im Live-View ist mit „Split-Screen-Zoom“ eine neue Funktion hinzugekommen, die den rechten und linken Bildrand vergrößert darstellt. Das hilft nicht nur beim manuellen Scharfstellen, sondern erleichtert es auch, die Kamera waagerecht auszurichten.

Das bereits bei der D800 sehr angenehme Auslösegeräusch hat Nikon bei der D810 nochmals gedämpft. Der Spiegelschlag ist sehr sanft, der abermals leisere Quiet-Modus wird so noch seltener nötig. Bei der Bedienung folgt die D810 Nikons Tradition für Profikameras: Alle wichtigen Schalter und Regler sind gegen versehentliches Verstellen geschützt und lassen sich nur beidhändig bedienen. Nikon-typisch ist auch der Verzicht auf ein Programmwählrad, den Aufnahmemodus ändert man, während man bei gedrückter „Mode“-Taste am Daumenrad dreht. Die Menüs sind Nikon D810 [Foto: MediaNord]lang und unübersichtlich, da dürfte Nikon gerne einmal etwas aufräumen. Sei’s drum, dafür ist das solide Metallgehäuse gut abgedichtet, die Schnittstellen- und Speicherkartenklappen schließen satt und der Akku vom Typ EN-EL15 hält jetzt mit 1.200 Aufnahmen noch länger durch als bei der Vorgängerin.

Ausstattung Bereits die D800/D800E war derart reichhaltig ausgestattet, dass man sich fragt, ob sich da überhaupt noch etwas verbessern ließ. Nikon hat es geschafft – vor allem auch, indem die D810 die eine oder andere mit der D4S eingeführte Neuerung übernimmt. Da ist zunächst einmal der Bildprozessor Expeed 4. Er sorgt mit dafür, dass die Serienbildrate der D810 um ca. 25 Prozent gesteigert wurde (5 statt vormals 4 Bilder/s bei voller Auflösung). Und natürlich soll er auch für eine abermals verbesserte Bildqualität sorgen – mehr dazu im nächsten Abschnitt.

Neu ist bei der D810 auch die lichterbetonte Belichtungsmessung. Sie verhindert bei insgesamt hellen Motiven, dass Mitteltöne zu dunkel wiedergegeben werden. Verbesserungen gibt es ferner beim Autofokus: Das AF-Modul Multi-CAM 3500FX beherrscht nun auch die Messfeldgruppensteuerung, die Nikon unlängst mit der D4S eingeführt hat. Von dieser übernimmt die D810 zudem die Möglichkeit, in sRAW aufzeichnen zu können, dabei wird die Auflösung auf rund neun Megapixel reduziert.

Nikon D810 [Foto: MediaNord]Für Fotografen mögen diese Neuerungen marginal sein, die Videofähigkeiten der D810 hat Nikon indes deutlich verbessert. Zwar bleibt es bei Full-HD-Auflösung (1.920 x 1.080 Pixel), doch die D810 zeichnet mit bis zu 60 fps auf. Zudem hat Nikon die D810 mit einem Stereomikrofon ausgestattet, ein externes Mikrofon sowie Kopfhörer können ebenfalls angeschlossen werden. Bei der Belichtungssteuerung hat sich ebenfalls etwas getan: Die Blende lässt sich jetzt bei laufender Filmaufnahme ändern. Und wird im Modus M gefilmt, kann die ISO-Automatik auf Wunsch die Belichtung nachführen. Neu ist zudem die von professionellen Videokameras bekannte Zebra-Warnung – sie schraffiert Bereiche mit einem zuvor festgelegten Helligkeitswert im Live-View-Bild und warnt so vor überbelichteten Aufnahmen.

Wer nicht so gerne im Raw-Format aufzeichnet, aber nachbearbeitungsfreundliche JPEG-Dateien wünscht, kann bei der D810 den neuen Bildstil „Ausgewogen“ vorgeben. Er reproduziert die Aufnahmen mit einer nahezu linearen Tonwertkurve, die übrigens auch für Video-Nikon D810 [Foto: MediaNord]Aufnahmen zur Verfügung steht. Für alle „Picture Control“-Konfigurationen gibt es den neuen Parameter „Detailkontrast“, mit der sich die Wiedergabe feiner Strukturen steuern lässt.

Im Detail ist es schon beachtlich, was Nikon der neuen D810 so alles mit auf den Weg gegeben hat. Da sollte man nicht vergessen, dass auch schon die D800/D800E hervorragend ausgestattet war. Und so bleibt es bei der Neuen bei einem kleinen Bordblitz, dem ausgefuchsten Blitzsystem von Nikon sowie den vielfältigen Nachbearbeitungsmöglichkeiten im Wiedergabemodus. Allerdings verkneift sich die D810 Vollautomatiken und Motivprogramme – diese Kamera richtet sich eben an Fotografen, die wissen, was sie tun. GPS oder WLAN hat auch die D810 nicht an Bord, beides lässt sich aber über entsprechende Adapter nachrüsten.

Bildqualität Bereits die Bildqualität der D800 vermochte geradezu Begeisterungsstürme auszulösen. Kein Wunder, war sie doch vor gut zwei Jahren die erste Kamera mit einem 36-Megapixel-Sensor im Test von digitalkamera.de. Zwischenzeitlich hatte Nikon mit der D800E ein weiteres Modell nachgeschoben, das auf den Tiefpassfilter vor dem Bildwandler verzichtet. Seine Aufgabe ist es, die Auflösung definiert zu begrenzen, um den Moiré-Effekt zu vermeiden. Bei Nikon D810 [Foto: MediaNord]einer Auflösung von 36 Megapixel sind die kritischen Ortsfrequenzen indes derart hoch, dass Moiré nur in Kombination mit sehr feinen Motivstrukturen und höchstauflösenden Objektiven zu erwarten ist. Daher konnte Nikon bei der D810 gefahrlos auf ein Tiefpassfilter verzichten.

Man könnte also zunächst durchaus annehmen, dass Nikon den Bildwandler der D800E in die D810 verpflanzt hat. So ist es aber nicht, die D810 hat vielmehr einen neu entwickelten Sensor erhalten, dessen Basisempfindlichkeit mit ISO 64 ungewöhnlich gering ist. Dennoch ist die maximale ISO-Empfindlichkeit der D810 um eine ganze Lichtwertstufe höher als bei Vorgängerin, sie reicht jetzt hinauf bis zu ISO 51.200. Wie sich nicht nur diese Neuerungen auf die Bildqualität auswirken, haben wir ausführlich im Labor von digitalkamera.de sowie in einem kurzen Praxiseinsatz getestet. Wie stets kann der umfangreiche und ausführliche erläuterte Laborbericht gegen ein kleines Entgelt eingesehen und als Nikon D810 [Foto: MediaNord]PDF-Datei heruntergeladen werden (siehe weiterführende Links am Ende dieses Beitrags).

36 Megapixel – das bedeutet auch für einen Vollformatsensor, dass die einzelnen Sensorzellen relativ klein sind. Und so steht zu befürchten, dass die Bildqualität bei höheren ISO-Werten rasch abnimmt. Doch Nikon hat die Auswirkungen hoher ISO-Zahlen bei der D810 gut im Griff – zumindest bis ISO 3.200. Ab diesem Wert sinkt der Signal-Rauschabstand unter die kritische Marke von 35 dB und fällt mit weiter steigender ISO-Empfindlichkeit dann immer rascher ab. Gleichzeitig wird ab etwa ISO 3.200 Luminanzrauschen sichtbar, Farbrauschen beginnt jedoch erst ab ISO 12.800 zu stören. Dennoch lässt sich die Nikon D810 auch noch bei ISO 6.400 gut verwenden – Nikon hält sich nämlich bei der Rauschunterdrückung im Zaum, daher bleibt die Texturschärfe bis ISO 6.400 hoch.

Nikon D810 [Foto: MediaNord]Eindrucksvoll ist der Dynamikumfang der D810, der erst jenseits der ISO 3.200 unter die sehr gute Marke von mehr als 10 EV sinkt. Studiofotografen profitieren dabei von der geringen Basisempfindlichkeit, bei ISO 64 erreicht der Dynamikumfang schon 10,5 EV, gleichzeitig sind die Aufnahmen praktisch rauschfrei – da kann so manche Mitteformatkamera im Schrank bleiben. Das gilt umso mehr, als die Nikon D810 ihre hohe Sensorauflösung auch in eine entsprechende Bildauflösung umsetzen kann – zumindest mit den Objektiven Nikon AF-S 24-120 mm 4 G ED VR (das Basis für unsere Testnoten ist) sowie dem Nikon AF-S 105 mm 2.8 Micro VR IF ED. Bemerkenswert ist, dass das Zoomobjektiv in der Spitze noch einen Tick höher auflöst als das Makro-Objektiv. Besonders in Weitwinkelstellung schwingt es sich zu ungeahnten Höhen auf und knackt fast die magische Grenze von 70 Linienpaaren pro Millimeter (lp/mm). Aber auch das Marko enttäuscht mit einem Spitzenwert von 65 lp/mm nicht. Zudem bildet es praktisch verzeichnungsfrei ab, was für das 24-120 Millimeter leider nicht gilt. In Nikon D810 [Foto: MediaNord]Weitwinkelstellung verzeichnet es stark tonnenförmig, bei Normalbrennweite und am langen Ende gibt es deutliche kissenförmige Verzeichnungen. Gut im Griff hat Nikon dagegen chromatische Aberrationen, Farbsäume stören nur am kurzen Ende des Zooms an den Bildrändern. Kaum ein Problem gibt es dagegen mit Vignettierungen, der Helligkeitsverlust zu den Randbereichen hin beträgt, abgesehen von offener Blende, nur rund 0,5 EV.

Die Tonwertkurve der D810 hat Nikon etwas steiler abgestimmt als noch bei der D800. Das heißt, JPEGs direkt aus der Kamera sind bei der D810 bereits recht gut für den Ausdruck optimiert – wer seine Aufnahmen nachbearbeiten möchte, sollte besser in Raw aufzeichnen. Das gilt auch, wenn es um eine möglichst unverfälschte Farbwiedergabe geht: Blau- und Orangetöne sättigt die D810 in der Standardeinstellung kräftig, Blautöne verschiebt sie zudem Richtung Magenta. Der Weißabgleich arbeitet dafür sehr genau. Beim Ausgabe-Tonwertumfang schwächelt die D810 leicht, insbesondere Rot- und Blautöne differenziert sie nicht so gut, wie man es von einer professionellen Kamera erwarten würde. Alles in Allem weiß die Bildqualität der D810 jedoch zu überzeugen, die Auflösung ist sehr hoch, bei der Rauschunterdrückung hält sich Nikon vorbildlich zurück.

Fazit Mit der D810 entwickelt Nikon die D800 und die D800E behutsam fort, ohne dass die Vorgängerinnen damit gleich zum alten Eisen werden. Vor allem ambitionierte Videofilmer profitieren von den Neuerungen, endlich filmt auch die 36-Megapixel-Kamera bei Full-HD-Auflösung mit 50p oder 60p. Sicher, die vielen kleinen Detailverbesserungen machen die Kamera auch für Fotografen noch besser, als schon die erste Generation war. „Split-Screen-Zoom“ ist eine willkommene Neuerung im Live-View-Modus, der Autofokus erhält die neue Messfeldgruppensteuerung der D4S, die Serienbildgeschwindigkeit wurde erhöht. Doch gerade beim wichtigsten Aspekt einer Kamera, bei der Bildqualität, hat sich wenig getan (sieht man einmal vom erweiterten ISO-Bereich der D810) ab. Das ist indes kein Kritikpunkt, bereits die D800/D800E spielten hier auf einem derart hohen Niveau, das es auch aktuell kaum zu toppen ist. Die eigentliche Überraschung im Test war das 24-120 mm 4 G ED VR, das für ein Zoomobjektiv mit verblüffend guten Auflösungswerten überzeugte.


Kamera-Tests Auswahl

Hersteller
Kameras

Steckbrief
Hersteller Nikon
Modell D810
Preis ca. 4.230 EUR*
Sensor Auflösung 37,1 Megapixel
Max. Bildauflösung 7.360 x 4.912
(Seitenverhältnis) (3:2)
Objektiv AF-S Nikkor 24-120 mm 1:4 ED VR
Filtergewinde 77 mm
Sucher Pentaprisma-SLR
  Sichtfeld 100 %
  Vergrößerung 0,7-fach
  Dioptrienausgleich -3 bis +1 dpt.
LCD-Monitor 3,2"
  Auflösung 1.229.000
  drehbar
  schwenkbar
  als Sucher ja
Videoausgang AV und HDMI (je PAL/NTSC)
Programmautomatik ja
Blendenautomatik ja
Zeitautomatik ja
manuelle Belichtung ja
  BULB-Langzeit-
  belichtung
ja
Motivprogramme  
  Porträt
  Kinder/Baby
  Landschaft
  Makro
  Sport/Action
  weitere
Belichtungsmessung    Mehrfeld, mittenbetont Integral, Lichterbetont, Spot
Blitz ja
  Blitzanschluss Systemblitzschuh (ISO)
Fernauslöser Kabel
Intervallaufnahme ja
Speichermedium SD/SDHC/SDXC, CompactFlash
Videomodus  
  Format MOV
  Codec H.264/AVC
  Auflösung (max.) 1.920 x 1.080
  bei Bildfrequenz 60p
Empfindlichkeit  
  automatisch ISO 64-51.200 (Obergrenze einstellbar)
  erweitert
  manuell ISO 32-51.200
Weißabgleich  
  Automatik ja
  Sonne ja
  Wolken ja
  Leuchtstofflampe ja
  Glühlampe ja
  Sonstiges Schatten, Blitz, manuelle Farbtemperaturwahl
  Manuell ja
Autofokus  
  Anzahl
  Messfelder
51
  AF-Hilfslicht weiß
  Geschwindigkeit ca. 0,25 s
Sprachen Deutsch
  weitere 33
Gewicht
(Betriebsbereit)
ca. 980 g (nur Gehäuse)
ca. 1.690 g (mit Objektiv*)
Zoom  
  Zoomverstellung am Objektiv
Einhandbedienung
(Zoom und Auslöser)
Auslösung während
d. Speicherns mögl.
ja
Akkulaufzeit ca. 1.200 Bilder (lt. CIPA)

– = "entfällt" oder "nicht vorhanden"
* mit Objektiv AF-S Nikkor 24-120 mm 1:4 ED VR

Kurzbewertung

  • Stark verbesserte Videofunktionen
  • Hervorragende Bildqualität
  • Bordblitz
  • Serienbildrate höher als bei Vorgängerin
  • Im Live-View-Modus sehr langsamer AF
  • Keine Motivprogramme/Vollautomatiken
  • Gewöhnungsbedürftiges Bedienkonzept (aber in sich schlüssig)
  • Durch lange Scolllisten unübersichtliches Menü

Testnoten

Note Anteil  Punkte
Verarbeitung 12,5 % 99 %
Ausstattung 12,5 % 100 %
Handhabung 12,5 % 90 %
Geschwindigkeit 12,5 % 91 %
Bildqualität 50,0 % 96 %
Gesamtnote 96 %