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Blitztechniken Teil 2: Spezielle Blitzfunktionen heutiger Kameras

2012-08-27 Heutige Digitalkameras können wesentlich mehr, als mit dem Blitzlicht nur Licht ins Dunkel zu bringen. Sie mischen zum Beispiel auf Befehl das Umgebungslicht perfekt mit dem Blitzlicht. Oder steuern über den Bordblitz eine ganze Kaskade von weiteren Blitzgeräten, die sich nahezu beliebig rund um das Motiv platzieren lassen. Meist lässt sich die Blitzbelichtung sogar unabhängig von der allgemeinen Belichtung variieren. Um diese und weitere Sonderfunktionen geht es im zweiten Teil unserer kleinen Serie zur Blitztechnik.  (Martin Vieten)

Im ersten Teil der kleinen Serie zur Blitztechnik ging es um die Frage, wie eine Digitalkamera heute überhaupt die Blitzleistung und damit die Belichtung steuert (siehe weiterführende Links am Ende des Beitrags). Doch für ein ausgewogen belichtetes Fotos reicht alleine ein korrekt dosiertes Blitzlicht oftmals nicht aus. Dann ist zwar das vom Blitz erfasste Hauptmotiv richtig belichtet, das Umfeld aber versinkt im tiefsten Dunkel oder ist völlig überstrahlt. Erstes passiert zum Beispiel bei Portraitaufnahmen abends oder nachts. Der Grund: Sobald der Bordblitz aktiviert wird oder ein betriebsbereiter Systemblitz mit der Kamera verbunden ist, steuert die Belichtungsautomatik stur eine festgelegte Blitzsynchronzeit, zum Beispiel 1/125 s. Die aber ist bei schummerigem Umgebungslicht oftmals viel zu kurz, um das Umfeld noch ausreichend zu belichten. Die Folge: Das Blitzlicht meißelt das Hauptmotiv geradezu aus einem schwarzen Untergrund heraus.

Um Blitzlicht und schwaches Umgebungslicht wie gewünscht zu mischen, bieten praktisch alle heutigen Kameras die "Langzeitsynchronisation". Dazu gibt man einfach eine Belichtungszeit und gegebenenfalls die ISO-Empfindlichkeit vor, mit der sich das Umgebungslicht in der gewünschten Intensität einfangen lässt. Genau das erledigt übrigens in den meisten Kameras das Motivprogramm "Nachtportrait". Alternativ versetzt man die Kamera in den Belichtungsmodus "Zeitvorwahl" ("S" auf dem Moduswählrad bei Nikon und Sony, "Tv" bei Canon). Die Kamera reguliert dann die Belichtung über die Blenden, was jedoch naturgemäß Auswirkungen auf die Schärfentiefe hat. Wer dies ausschließen möchte, stellt im Modus "M" Blende und Verschlusszeit so ein, dass das Umfeld in der gewünschten Helligkeit und Schärfe aufgenommen wird. Die automatische Blitzbelichtung sorgt dann dafür, dass das Hauptmotiv im Vordergrund korrekt ausgeleuchtet wird.

Links: Normale Blitzbeleuchtung belichtet nur das Hauptmotiv korrekt.
             Mitte: Mit Langzeitsynchronisation wird das Umgebungslicht mit einbezogen.
             Rechts: Das Blitzlicht wurde mit einem Farbfilter an das Umgebungslicht angepasst. [Foto: Martin Vieten]
Links: Im Normalfall steuert die Kamera die Blitzbelichtung so, dass das Hauptmotiv korrekt belichtet wird. Um die Umgebung kümmert sich die Belichtungsautomatik nicht, sie gerät zu dunkel aufs Bild. Mitte: Bei aktiver Langzeitsynchronisation (oder im Motivprogramm "Nachtportrait"), sorgt eine längere Belichtungszeit dafür, dass auch das Umgebungslicht mit einbezogen wird. Rechts: Hier wurde der Blitz zusätzlich mit einem Farbfilter versehen, um die Farbtemperatur des Blitzlichts an die der Zimmerbeleuchtung im Hintergrund anzupassen.

Das Gegenstück zur Langzeitsynchronisation ist die Kurzeit- oder Hochgeschwindigkeitssynchronisation. Sie kommt zum Beispiel bei Gegenlichtaufnahmen zum Einsatz. Hier würde die kürzest mögliche Blitzsynchronzeit von derzeit 1/250s oftmals dazu führen, dass das Umfeld völlig überbelichtet wird. Allerdings ist die Hochgeschwindigkeitssynchronisation (HSS) nur in Verbindung mit leistungsfähigen Systemblitzgeräten möglich (siehe Teil 1 der kleinen Serie zur Blitztechnik). Steht dieses nicht zur Verfügung, kann man sich mit einem Neutraldichte-Filter vor dem Objektiv behelfen, der das Umgebungslicht im gewünschten Umfang dämpft.

Bei der Kurzzeit- bzw. Hochgeschwindigkeitssynchronisation feuert das Blitzgerät eine Salve ab, während der Verschluss abläuft. [Foto: Martin Vieten]

Besonders bequem lassen sich Blitz- und Umgebungslicht mischen, wenn die Kamera einen Speicher für die Belichtungsmessung bietet – die meisten Systemkameras aber auch viele hochwertige Kompaktkameras weisen einen solchen Messwertspeicher auf. Aktiviert wird er über eine Taste, die zum Beispiel mit AE-L beschriftet ist (Sony, Nikon) oder mit einem Sternchen (Canon). Das Verfahren ist einfach, unterscheidet sich aber von Hersteller zu Hersteller. So wird bei einer Canon-Kamera mit eingeschaltetem Blitz zunächst das Hauptmotiv anvisiert und dann die AE-Lock-Taste gedrückt gehalten. Der Blitz gibt eine kurze Messblitzsalve ab, dann wird der endgültige Bildausschnitt gewählt und ausgelöst. Bei Kameras von Sony geht man genau andersherum vor: Zunächst wird die Belichtung des Umfelds mit der AE-L-Taste gemessen und gespeichert. Dann schwenkt man die Kamera so, dass das Hauptmotiv im Sucher zu sehen ist und löst aus. Falls es die Lichtverhältnisse erfordern, gehen die meisten Kameras bei diesem Verfahren automatisch zur Langzeit- beziehungsweise Hochgeschwindigkeitssynchronisation über.

Links: Ohne Aufhellblitz ist das Motiv im Gegenlicht zu dunkel.Mitte: Der Aufhellblitz bei 1/200 s Synchronzeit belichtet das Motiv, der Hintergrund wird aber zu hell.Rechts: Mit Kurzzeitsynchronisation auf 1/800 s ist auch der Hintergrund korrekt bel [Foto: Martin Vieten]
Links: Ohne Aufhellblitz für das Motiv hat die Kamera keine Chance, die Gegenlichtsituation zu meistern. Alle Aufnahmen entstanden mit Blende 4.5 bei ISO 200. Mitte: Der Aufhellblitz holt das Motiv aus dem Dunkel. Dabei steuerte die Kamera die kürzest mögliche Blitzsynchronzeit von 1/200 s, wodurch der helle Hintergrund völlig überbelichtet wird. Rechts: Hier wurde die Belichtung auf den Hintergrund gemessen und gespeichert. Die Kamera steuert nun eine Verschlusszeit von 1/800s, das Systemblitzgerät schaltet dabei automatisch in den HSS-Modus.

Zu einem falsch dosierten Blitzlicht kann es bisweilen kommen, wenn das Hauptmotiv nicht in der Fokusebene liegt. Moderne Blitzbelichtungsverfahren werten nämlich auch die Entfernungseinstellung des Objektivs aus. Soll nun beispielsweise der Vordergrund unscharf aber vom Blitzlicht aufgehellt aufs Bild kommen, wird er bei einem auf unendlich fokussierten Objektiv überblitzt. Dies lässt sich unter Umständen vermeiden, indem auf die klassische TTL-Messung umgeschaltet wird. Oftmals ist es indes einfacher, die Blitzleistung manuell zu korrigieren. Dazu bieten praktisch alle hochwertigen Kameras eine Blitzbelichtungskorrektur, die ähnlich der herkömmlichen Belichtungskorrektur über das entsprechende Einstellrad an der Kamera konfiguriert wird.

Ein von der Kamera entfesseltes Blitzgerät erlaubt eine wunschgerechte Lichtführung. Werden mehrere Blitzgeräte ferngezündet, lassen sich auch sehr große Räume perfekt ausleuchten. [Foto: Klaus Scheller]Hochentwickelte Blitzsysteme bieten die Möglichkeit zum "entfesselten Blitzen". Dabei befindet sich der eigentliche Blitz ("Slave") nicht mehr direkt auf der Kamera, sondern kann in gewissen Grenzen beliebig in der Szene platziert werden. Ausgelöst und gesteuert wird er von einem weiteren Blitzgerät direkt auf der Kamera ("Master"). Das Verfahren ist nicht auf einen Slave-Blitz beschränkt, es steuert auch mehrere Blitze. So lassen sich auch sehr große oder verwinkelte Räume wunschgemäß ausleuchten. Bei immer mehr Kameras kann der Bordblitz als Master eines drahtlosen Blitz-Setups dienen – er trägt nichts zu Belichtung bei, sondern steuert lediglich den oder die Slaves über eine kurze Blitzsalve. Ein Setup mit mehreren drahtlos angebundenen Systemblitzgeräten ist allerdings eine recht aufwändige und auch kostspielige Angelegenheit. Deutlich kostengünstiger lässt es sich mit durchaus auch älteren Blitzgeräten realisieren, die via Opto-Koppler vom Hauptblitz der Kamera ausgelöst werden. Allerdings muss in diesem Fall die Blitzleistung an den Geräten selbst eingestellt werden, eine Fernsteuerung der Blitzbelichtung ist nicht möglich. Ausführlich behandelt dieses Verfahren unser Fototipp "Alte Blitzgeräte entfesseln" (siehe weiterführende Links). Alternativ zum entfesselten Blitz lässt sich in vielen Fällen mit einem indirekt aufs Motiv gelenkten Blitzlicht das Licht wie gewünscht führen. Mehr zum Thema "Lichtführung" bringt der dritte Teil unserer kleinen Serie zur Blitztechnik, die in Kürze erscheinen wird.

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