Nachträgliche Aufwertung oder Bananenprodukt?

Pro und Contra Firmwareupdates bei Digitalkameras

2021-11-06 Firmwareupdates sind seit Jahren in Mode, um nicht nur Fehlfunktionen zu beheben, sondern auch neue Funktionen hinzuzufügen. Das geht inzwischen so weit, dass bei der Neuvorstellung von Kameras Funktionen angekündigt werden, die erst Monate später per Firmwareupdates nachgereicht werden. Darüber, ob das eine positive oder negative Entwicklung ist, sind die digitalkamera.de-Redakteure Benjamin Kirchheim und Harm-Diercks Gronewold unterschiedlicher Auffassung.  (Benjamin Kirchheim, Harm-Diercks Gronewold)

Contra Firmwareupdates

digitalkamera.de-Redakteur Harm-Diercks Gronewold [Foto: MediaNord]Harm-Diercks Gronewold sieht die nachträglichen Firmwareupdates kritisch und nimmt daher die Contra-Position ein:

Firmwareupdates sind zwar ein beliebter Weg, Fehler im Kamera-Betriebssystem zu beseitigen und neue Funktionen zu implementieren, doch gleichzeitig geht auch eine unmittelbare Gefahr von ihnen aus: Kameras könnten unfertig als “Bananenprodukte” auf den Markt kommen, die wie eine Banane erst beim Kunden reifen. In der Softwareindustrie ist sowas bereits lange Gang und Gäbe, und das ist oftmals alles andere als erfreulich.

Eine Kamera mit einer fehlerfreien Software auszustatten, ist möglich, allerdings ist das sehr langwierig und damit auch teuer. Damit das Ganze für den potentiellen Kunden nicht zu teuer wird, wird das Bugfixing einfach abgekürzt oder toleranter gemacht. Die Kamera wird dann mit Firmwareversion 1.0 ausgeliefert und der Kunde übernimmt den weiteren Produkttest und meldet seine Erkenntnisse dann direkt oder indirekt an den Hersteller.

Der Hersteller ist in der Zwischenzeit nicht untätig und arbeitet selbst an der Behebung von Fehlern, die zur Auslieferung nicht mehr behoben wurden und hört auf das Kundenfeedback. Nach einigen Wochen oder Monaten kommt dann das erste Update, das neue Funktionen implementiert und viele genannte und ungenannte Fehler behebt.

Ich halte es für eine schlechte Entwicklung, wenn ein Firmwareupdate Wochen oder Monate nach Release auf den Markt kommt und die komplette Kamera umkrempelt. Das mag sich zwar wie toller Service anhören, impliziert aber, dass man bei der Entwicklung einfach nur Funktionen zusammen gedengelt hat, ohne sich einen großen Kopf zu machen, wie diese zusammenarbeiten. Es ist beispielsweise ein Ding der Unmöglichkeit, einem Produkt eine so miserable Konnektivität [Anmerkung der Redaktion: WLAN- und Bluetooth-Funktionen] mit auf den Weg zu geben, dass man nicht einmal von Konnektivität sprechen kann und diese dann irgendwann im Lebenszyklus der Kamera per Firmwareupdate beziehungsweise Update der zugehörigen App “repariert”.

Eine weitere Gefahr ist der Update-Vorgang an sich. Immerhin weisen Hersteller explizit darauf hin, dass sie keine Haftung übernehmen, wenn etwas schief gehen sollte und die Kamera danach “tot” (gebrickt) ist. Die Revitalisierung ist dann nämlich kostenpflichtig. Man muss also den Hersteller dafür bezahlen, dass man ein Update auf die Kamera bringen wollte, das Fehler behebt, die niemals hätten drauf sein sollen. Immerhin sind die Updatevorgänge so gut dokumentiert, dass ein solches “Bricking” nur noch selten vorkommt.

Pro Firmwareupdates

digitalkamera.de-Redakteur Benjamin Kirchheim [Foto: Benjamin Kirchheim]Benjamin Kirchheim sieht das etwas anders und nimmt die Pro-Position ein:

Moderne Digitalkameras sind weitaus mehr als nur simple "Fotoapparate". Sie sind in erster Linie Computer mit hochkomplexen Algorithmen, die sich um Bildverarbeitung, Aufnahmeeinstellungen, die Fokussierung und viele andere Funktionen kümmern bis hin zur Implementierung intelligenter Algorithmen, die bestimmte Motivdetails erkennen. Je Komplexer aber eine Software ist, desto unmöglicher wird es, sämtliche Bugs (also Fehler in der Software) im Vorwege zu erkennen, das weiß ich als studierter Informatiker nur zu gut. Ganze Vorlesungen drehen sich nur um solche Themen. Es gibt bei heutigen Kameras zu viele Einstellungen und zu viele Aufnahmesituationen, bei denen es in selten auftretenden Konstellationen zu Fehlern kommen kann, die sich heutzutage glücklicherweise mit einem Firmwareupdate relativ einfach beheben lassen.

Zudem sitzen die japanischen Kamerahersteller nicht mehr auf so hohen Rössern wie noch vor vielen Jahren und hören viel mehr auf ihre Kunden, wenn es um die Verbesserung der Produkte geht. Kritik wird nicht mehr als Beleidigung gewertet, sondern als Möglichkeit, das eigene Produkt verbessern zu können. Bei dem einen oder anderen Kamerahersteller hat nicht zuletzt dieses Handeln zum Erfolg beigetragen. Ich habe es in meinen inzwischen über 15 Jahren, die ich Digitalkameras teste und als Pressevertreter guten Kontakt bis in die Entwicklungsabteilungen beziehungsweise zu entsprechenden Mitarbeitern habe, die für genau diese Schnittstelle der Entwicklungsabteilungen nach außen zuständig sind, sehr oft erlebt, dass Kritikpunkte an Kameras, teilweise noch vor Markteinführung, manchmal auch erst beim Nachfolgemodell, behoben wurden. Das gibt einem ein gutes Gefühl, dass die Hersteller auf berechtigte Kritik von Kunden hören und ihre Produkte verbessern.

Hinzu kommt ein Nachhaltigkeits- und Servicegedanke. Es ist doch positiv, wenn Produkte gepflegt und teilweise sogar mit neuen Funktionen versehen werden, statt einfach alle paar Monate ein neues Modell auf den Markt zu werfen, das der Kunde dann wieder bezahlen muss. Denn genau das machen Firmwareupdates: Kameras bekommen Funktionen, an die man gar nicht gedacht hatte und auf die man als Kunde auch keinen Anspruch hatte, schließlich waren diese zumeist vorher gar nicht angekündigt. Mit den im Regelfall kostenlosen Updates bekommen die Kunden also quasi gratis ein neues Kameramodell und können die neuen Funktionen hoffentlich sinnvoll einsetzen.

Dass inzwischen auch Kameras bewusst auf den Markt gebracht werden, bei deren Ankündigung man bereits Firmwareupdates ankündigt, ist sicherlich zum Teil auch dem Markt geschuldet. Die Hardware ist fertig und die Firmware ist betriebsbereit, aber die Entwicklung einiger schwierigerer Funktionen benötigt noch etwas Zeit. Soll man deswegen die Markteinführung um Monate verschieben, anstatt dass die Kunden bereits mit den Kameras fotografieren können und vielleicht sogar Feedback geben, das man direkt ins ohnehin geplante Firmwareupdate einfließen lassen kann? Wenn die Hersteller hier mit offenen Karten spielen, finde ich das nicht verwerflich.

Klar ärgert es auch mich als Kunden oder speziell als Kameratester, wenn eine Funktion noch gar nicht fertig ist und ich sie damit nicht testen kann oder wenn der veröffentlichte Kameratest inklusive Kritik und Bewertung "veraltet", weil eine neue Firmware oder verbesserte App inzwischen Abhilfe geschaffen haben. Andererseits müssen die Hersteller damit leben, wenn es in einem Bewertungsbogen Punktabzüge gibt, weil Funktionen (noch) nicht vorhanden sind, denn Testnoten passen wir normalerweise nicht nachträglich an.

Das Einspielen von Firmwareupdates gehört inzwischen sowieso längst zum Alltag. So spielen Smartphones, Fernseher, Computer und andere Geräte ihre Updates heutzutage teilweise sogar selbstständig ein, manchmal beziehungsweise im Idealfall merkt man davon sogar nichts. Wem das Risiko eines Firmwareupdates zu groß ist, der kann einen von zwei Wegen wählen: Entweder er schickt seine Kamera direkt zum Service des Herstellers und lässt die neueste Firmware einspielen und bei der Gelegenheit gleich seine Kamera reinigen (ein kleiner Tipp: Das geht auch oft auf Fotofestivals, dort sogar kostenlos), oder er besinnt sich darauf, seine Kamera und Zubehör sowie spätere Objektivanschaffungen bei einem Fachhändler vor Ort zu tätigen statt zum billigsten Preis im Internet zu kaufen. So hat er jederzeit einen Ansprechpartner bei Problemen und der Fachhändler nimmt sich dann sicher auch die fünf Minuten Zeit, mal ein Firmwareupdate einzuspielen. Vielleicht nicht gerade an einem belebten Samstag, an dem der Laden voll ist, aber beispielsweise an einem Dienstagvormittag bei leerem Geschäft.

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Autoren

Benjamin Kirchheim

Benjamin Kirchheim, 44, schloss 2007 sein Informatikstudium an der Uni Hamburg mit dem Baccalaureus Scientiae ab. Seit 1998 war er journalistisch für verschiedene Atari-Computermagazine tätig und beschäftigt sich seit 2000 mit der Digitalfotografie. Ab 2004 schrieb er zunächst als freier Autor und Tester für digitalkamera.de, bevor er 2007 als fest angestellter Redakteur in die Lübecker Redaktion kam. Seine Schwerpunkte sind die Kameratests, News zu Kameras und Fototipps.

 

Harm-Diercks Gronewold

Harm-Diercks Gronewold, 51, ist gelernter Fotokaufmann und hat etliche Jahre im Fotofachhandel gearbeitet, bevor er 2005 in die digitalkamera.de-Redaktion kam. Seine Schwerpunkte sind die Produktdatenbanken, Bildbearbeitung, Fototipps sowie die Berichterstattung über Software und Zubehör. Er ist es auch, der meistens vor der Kamera in unseren Videos zu sehen ist und die Produkte vorführt.