Spiegellose Systemkamera mit neuem Konzept

Testbericht: Yi Technology M1

2016-12-22 Mit der Vorstellung der M1 ist Yi Technology aus China die vielleicht größte Überraschung auf der Photokina 2016 gelungen. Mit dem ersten Modell M1 sowie dem Standardzoom und dem lichtstarken Porträtobjektiv betritt erstmals ein chinesischer Hersteller mit einem eigenen Produkt den Systemkameramarkt. Dabei setzt Yi Technology auf das Micro Four Thirds System, womit aus dem Stand weg eine große Auswahl kompatibler Objektive verfügbar ist. Zudem verfolgt Yi mit der M1 ein modernes Touchscreen-Bedienkonzept ähnlich der Leica T. Im Test muss die Yi M1 zeigen, ob sie es mit den etablierten Herstellern aufnehmen kann.  (Benjamin Kirchheim)

Vorwort

Die Yi M1 ist in zwei verschiedenen Kit-Varianten erhältlich. Neben dem knapp 600 Euro teuren Set mit dem 12-40mm Zoom ist sie auch im 200 Euro teureren Doppelset zusätzlich mit der lichtstarken Porträt-Brennweite 42,5 mm F1.8 erhältlich beziehungsweise soll hierzulande erhältlich sein, sobald die nötigen Zertifizierungen erfolgt sind. Unser Testmodell ist das Doppelset und es verfügt sogar schon über die CE-Kennzeichnung auf der Kameraunterseite.

  • Das Gehäuse der Yi M1 sowie des 12-40 mm besteht komplett aus leichtem, aber sauber verarbeitetem Kunststoff.

  • Das Yi 42,5 mm F1.8 ist nur im Doppelset mit der M1 zu haben und besteht ebenfalls aus Kunststoff. Im Gegensatz zum 12-40 mm bietet es nicht einmal einen Fokussierring (der gummierte vordere Bereich ist ohne Funktion).

Ergonomie und Verarbeitung

Mit weniger als 300 Gramm ist die Yi M1 erfreulich leicht. Auch das Zoom mit etwas über 170 und die Festbrennweite mit knapp 120 Gramm fallen angenehm leicht aus. Das hat aber auch einen Grund: Die Chinesen waren sparsam mit Metall und verbauen überwiegend Kunststoff. Die Gehäuse der Objektive bestehen inklusive Bajonett komplett aus Kunststoff. Bei der Kamera hingegen bestehen immerhin das Stativgewinde, der Blitzschuh und das Bajonett aus Metall, der Rest ist ebenfalls aus Kunststoff gefertigt. Dieses knarzt bei beherztem Zupacken etwas, ansonsten ist die Verarbeitung aber durchaus sauber und gut gelungen. Mit 11,5 mal 6,5 mal 3,5 Zentimetern ist das Gehäuse zudem sehr kompakt. Der gummierte Griff besitzt eine Kerbe, in die sich die Finger "eingraben" können. Die Daumenmulde auf der Rückseite besitzt Plastiknoppen. Die Kamera lässt sich so insgesamt leidlich gut halten, der Zeigefinger kommt aber bei einer europäischen Hand nur etwas verkrampft auf dem Auslöser zu liegen. Im Gegensatz zur Kamera sind die Objektive, verglichen mit Pendants aus dem Micro-Four-Thirds-Lager, alles andere als klein. Sie messen 5,5 Zentimeter im Durchmesser und sind ungefähr 6,5 Zentimeter lang. Da nützt der Einfahrmechanismus des Zooms für minimal kompaktere Transportabmessungen auch nicht viel (ausgefahren ist es mindestens 7,7 Zentimeter lang). Immerhin besitzt das Zoom einen elektronischen Fokusring, bei der Festbrennweite hingegen lässt sich dieser optisch durchaus vorhandene Ring nicht bewegen. Übrigens besitzen weder die Objektive noch die Kamera einen Bildstabilisator.

Die Rückseite der Yi M1 besteht fast komplett aus einer großen Plexiglasabdeckung, hinter der sich das mit 7,5 Zentimetern verhältnismäßig zur Abdeckung kleine Display verbirgt. So bleibt außen herum viel schwarzer, ungenutzter Raum. Dafür, dass Yi komplett auf eine Touchbedienung setzt und angesichts des großen ungenutzten Raumes, fällt der Bildschirm doch etwas mickrig aus. Auf der Rückseite gibt es nur zwei Tasten. Eine aktiviert die Wiedergabe, die andere deckt je nach Modus verschiedene Funktionen ab, etwa die Aktivierung der Fokuslupe bei manueller Fokussierung oder den Wechsel zwischen Mehrfeldautofokus und der Fokussierung auf den mittleren AF-Punkt. Durch tippen auf den Touchscreen lässt sich der Fokuspunkt verschieben, was auch jederzeit im Live-View funktioniert, dafür muss man die Taste also nicht extra drücken. Auch eine Touch-Auslösefunktion lässt sich optional im Menü aktivieren. Interessanterweise sieht die Darstellung der Fokuspunkte fast exakt so aus wie bei Olympus. Auf der Kameraoberseite befinden sich neben dem Auslöser noch weitere Bedienelemente. Dabei handelt es sich neben dem Einschalthebel und einem Daumenrad noch um ein Programmwählrad sowie eine zentral darin platzierte Videoaufnahmetaste.

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Die Bedienung der Yi M1 erfolgt fast vollständig über den Touchscreen. Ein Wisch nach rechts ruft das Menü auf, das wiederum mit Wischen nach oben und unten gescrollt werden kann. Statt einem zeilenweisen Menü mit Registerkarten und Untermenüs setzt Yi auf ein 3 mal 3 Felder großes, touchfreundliches Rastermenü, das sich über drei Bildschirmseiten erstreckt. Nur wenn man einen Menüpunkt auswählt, gibt es wieder Scroll-Listen, etwa bei der ISO-Einstellung oder dem Grundeinstellungsmenü. Insgesamt lässt sich jedoch wenig an der Kamera einstellen. Das muss nicht grundsätzlich schlecht sein. Allerdings fällt in der Praxis auf, dass durchaus wichtige Funktionen fehlen. So lassen sich im Livebild weder ein Histogramm noch ein Gitternetz einblenden, auch eine Belichtungsvorschau gibt es nicht. Im manuellen Modus zeigt einem immerhin eine EV-Anzeige, wie weit man zu hell oder dunkel belichtet. Diese ist jedoch mit ihrer hellgrauen Darstellung bei einem hellem Motivhintergrund kaum zu sehen. Funktionen, für die andere Kameras richtige Tasten besitzen, finden sich mitunter bei der Yi M1 überhaupt nicht. So gibt es beispielsweise keine AE-L oder AF-L-Funktion, auch nicht als Touch-Element auf dem Bildschirm. Nervig ist auch die Tatsache, dass die Dateinummerierung immer wieder von vorne beginnt, sobald man die Speicherkarte wechselt oder leert. Normal wäre, dass die Kamera die Nummerierung fortlaufend fortsetzt. Man sollte also unbedingt immer das letzte Foto auf der Speicherkarte lassen, wenn man doppelte Dateinamen vermeiden will. Smartphones machen das beispielsweise mit ihrer datums- und zeitbasierten Dateibenennung besser.

Überhaupt sorgt das Touchmenü nicht unbedingt dafür, dass sich die Kamera schneller oder einfacher einstellen lässt. Möchte man beispielsweise wichtige Parameter wie den Weißabgleich, die ISO-Empfindlichkeit oder den Fokusmodus ändern, so artet das in einer Wisch- und Tipporgie aus. Um einen anderen ISO-Wert einzustellen, sind beispielsweise fünf bis sechs Interaktionen erforderlich. Man kann diese durch Antippen des Auslösers nach Auswahl der ISO-Empfindlichkeit noch etwas abkürzen, weil man das Schließen des Untermenüs und das Wegstreichen des Menüs dadurch umgehen kann, es bleibt dann aber bei vier bis fünf nötigen Interaktionen. Übrigens reagiert die Kamera nicht immer auf Wischgesten, vor allem beim Scrollen, was mitunter auch etwas frustrierend ist. Als Ursache haben wir zu schnelles Wischen ausgemacht. So wie die Kamera insgesamt etwas träge reagiert, sollte man auch etwas träge wischen. Das Scrollen fühlt sich ohnehin wenig geschmeidig an, anders als von einem Smartphone gewohnt wird nämlich nicht in feinen Schritten gescrollt, sondern immer seitenweise.

  • Das Gehäuse der Yi M1 fällt im Gegensatz zu den Objektiven sehr kompakt aus. Die Objektive sind zwar verglichen mit Pendants von Panasonic und Olympus etwas voluminöser, aber dank großzügigem Einsatz von Kunststoff wie die Kamera sehr leicht.

  • Der Bildschirm der Yi M1 wirkt aufgrund des breiten, schwarzen Trauerrands trotz 7,5 Zentimetern Diagonale relativ klein. Die Bedienung ist komplett auf den Touchscreen ausgelegt.

Mit einer gemessenen Auslöseverzögerung von 0,4 bis 0,44 Sekunden inklusive Fokussierung ist die Yi M1 zwar nicht ganz auf Stand der Micro-Four-Thirds-Konkurrenz, aber auch nicht wirklich langsam. Daran hat die reine Auslöseverzögerung mit 120 bis 130 Millisekunden zudem einen erstaunlich hohen Anteil, was wir auf die gewählte Blende zurückführen konnten. Besonders bei der Festbrennweite kann man regelrecht zuhören, wie die Blende erst geräuschvoll geschlossen wird, bevor der mechanische Schlitzverschluss abläuft. Je weiter man die Blende schließt, desto länger ist die Auslöseverzögerung. In dem Ausmaß (inklusive Geräuschkulisse) haben wir das bisher noch nie erlebt. Während das 42,5 mm bei F1,8 innerhalb von 50 Millisekunden ausgelöst wird, verlängert sich die Zeit auf 180 Millisekunden bei F11 und 240 Millisekunden bei F22. Mit dem Olympus 45 mm F1.8 gibt es zwar ebenfalls große Unterschiede, die jedoch nicht so extrem ausfallen. An der Olympus E-M10 hat die gewählte Blende beim 45 mm F1.8 praktisch keinen Einfluss auf die Auslöseverzögerung. Beim Yi Technology 42,5 mm F1.8 ist der Einfluss der Blende mit der Olympus wieder deutlich größer, aber nicht so eklatant wie an der Yi M1. Es hat also die Blende sowohl beim Yi-Objektiv als auch bei der Yi-Kamera jeweils einen großen Einfluss auf die Auslöseverzögerung. Die vollständigen Messwerte sind in folgender Tabelle zu finden:

  M1 mit Yi 42,5 E-M10 mit Yi 42,5 M1 mit Olympus 45 E-M10 mit Olympus 45
Auslöseverzögerung bei F1.8 50 ms 70 ms 50 ms 70 ms
Auslöseverzögerung bei F11 180 ms 110 ms 120 ms 80 ms
Auslöseverzögerung bei F22 240 ms 140 ms 130 ms 80 ms

Manchmal kommt es übrigens vor, dass der Autofokus anfängt zu pumpen, dann dauert es weit über eine Sekunde, bis ausgelöst wird. Wann genau das passiert, war jedoch nicht nachvollziehbar. Auf Wunsch kann man übrigens auch manuell fokussieren, sogar eine Peaking-Funktion zum Hervorheben der scharfen Kontrastkanten (in Rot) ist hinzuschaltbar. Die aktivierbare Fokuslupe vergrößert wahlweise zwei oder vierfach, jedoch nur den zentralen Bereich des Bildausschnitts. Das 42,5 mm kann übrigens mangels Fokusrings nur über auf dem Bildschirm eingeblendete Pfeiltasten manuell fokussiert werden, was leidlich gut funktioniert.

Das Stativgewinde auf der Kameraunterseite befindet sich abseits der optischen Achse und zudem noch direkt neben dem Akkufach, so dass dieses blockiert wird. Der herausnehmbare Lithium-Ionen-Akku wird aber ohnehin per Micro-USB aufgeladen. Der Akku reicht übrigens nach CIPA-Standard für beachtliche 450 Aufnahmen. Das erklärt sich aber recht einfach: Da die Yi M1 keinen Blitz besitzt, kommt dieser Stromfresser auch nicht zum Einsatz. Effektiv hält der Akku also bei Verzicht auf den Blitz auch nicht länger als bei einer vergleichbaren Kamera. Hinter der mit einem Scharnier angeschlagenen, aber nur mit dem Fingernagel zu öffnenden Klappe auf der Griffseite befinden sich neben dieser Micro-USB-Schnittstelle auch noch ein Micro-HDMI-Anschluss sowie das SD-Speicherkartenfach, das zu SDHC und SDXC kompatibel ist. Man kommt dadurch auch auf dem Stativ gut an die Speicherkarte heran. Der M1 ist es egal, ob sie mit dem mitgelieferten Ladegerät oder aber einem Fremdhersteller-Ladegerät verbunden wird. Zudem muss man die Kamera zum Aufladen nicht abschalten wie bei den meisten anderen Kameraherstellern, sondern kann seine Kamera wie vom Smartphone gewohnt im Betrieb laden, was folgerichtig auch unterwegs mittels einer Powerbank funktioniert. Als etwas lästig hat sich übrigens die Auto-Abschaltfunktion der Yi M1 erwiesen, da sie die Kamera komplett abschaltet und man sie nur wieder einschalten kann, indem man die M1 mittels des Einschalthebels aus und wieder einschaltet. Eine Schlaffunktion, bei der ein Antippen des Auslösers zum Aufwecken reicht, kennt die Yi M1 nicht.

Fortsetzung auf Seite 2

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Autor

Benjamin Kirchheim

Benjamin Kirchheim schloss 2007 sein Informatikstudium an der Uni Hamburg mit dem Baccalaureus Scientiae ab. Seit 1998 war er journalistisch für verschiedene Atari-Computermagazine tätig und beschäftigt sich seit 2000 mit der Digitalfotografie. Ab 2004 schrieb er zunächst als freier Autor und Tester für digitalkamera.de, bevor er 2007 als fest angestellter Redakteur in die Lübecker Redaktion kam. Seine Schwerpunkte sind die Kameratests, News zu Kameras und Fototipps.