Spiegelloses Systemkamera-Flaggschiff

Testbericht: Olympus OM-D E-M1 Mark II

Seite 2 von 3, vom 2016-11-08 (Autor: Benjamin Kirchheim)Zur Seite 1 wechseln

Ausstattung

Das Programmwählrad der E-M1 Mark II wird dominiert von den Kreativmodi P, A, S und M sowie den drei Benutzerspeichern. Dennoch bietet die Mark II eine intelligente Automatik, so dass die Kamera auf Wunsch vollkommen automatisch arbeitet, etwa für einen Schnappschuss zwischendurch oder wenn mal jemand damit fotografiert, der sich mit der Technik nicht so auskennt. Ihr volles Potential entfaltet die Kamera indes nur, wenn man sich mit ihr auseinandersetzt. Wer weniger technisch kreativ werden möchte, kann auf die vielen Art-Filter zurückgreifen, die sich auf Wunsch übrigens auch als Bildstil in einem Kreativprogramm aktivieren lassen. Eine manuelle Belichtung und ein Art-Filter schließen sich somit nicht gegenseitig aus. Auch HDR-Bilder erstellt die OM-D auf Wunsch automatisch, wer es lieber selbst macht, kann auf eine ausgereifte Belichtungsreihenfunktion zurückgreifen. Diese beschränkt sich übrigens nicht nur auf die Belichtung, sondern auch Fokus-Reihenaufnahmen und sogar Fokus-Stacking direkt in der Kamera sind möglich. In einem Fototipp (siehe weiterführende Links) gehen wir genauer darauf ein. Auch eine weitere, interessante Funktion möchten wir hier nicht breittreten, verweisen aber auf unseren Fototipp zum Thema Live-Bulb und Live-Composite, denn beides beherrscht die Mark II selbstverständlich.

Völlig neu entwickelt hat Olympus den Bildsensor, und wie man hört, war die Medizin-Abteilung, die den Löwenanteil im Konzern ausmacht und wo Olympus Weltmarktführer ist, maßgeblich daran beteiligt, da man auch im Medizinbereich leistungsfähige Bildsensoren braucht, die aber wiederum nicht zu groß ausfallen dürfen. Der Micro-Four-Thirds-Formfaktor ist auch dort ein guter Kompromiss. Olympus baut die Sensoren zwar nicht selbst, sondern lässt sie fertigen, aber der Entwurf beziehungsweise die Spezifikationen stammen von Olympus. Dass es sich um den ersten Bildsensor mit integrierten Kreuz-Phasen-AF-Sensoren handelt, unterstreicht diese Tatsache. Wir konnten diesen Autofokus wie auch die leistungsfähige Serienbildfunktion anhand mehrerer Motive testen: unter anderem mit auf uns zu und an uns vorbeifliegende Greifvögel oder etwa einer Rinderherde sowie galoppierenden Pferden. Tatsächlich erwiesen sich eher die Fähigkeiten des Fotografen, das Motiv im Bildausschnitt zu behalten als die größte Gefahr für unbrauchbare Fotos. Der Autofokus hingegen saß, wenn ein Motiv im Bild war und er Gelegenheit hatte, es zu erfassen. Der Autofokus ist wirklich fix und nochmal ein gutes Stück schneller als im Vorgängermodell, das auch schon über einen Phasen-Autofokus verfügte. Fotografen, die alte Four-Thirds-Objektive adaptieren, profitieren ebenfalls deutlich von dem nochmals schnelleren Autofokus. Unsere Labormessung bestätigt dies; wir konnten bei der Olympus tatsächlich einen rasanten Autofokus messen: Inklusive 0,02 Sekunden Auslöseverzögerung war das Bild nur 0,08 Sekunden nach dem Drücken des Auslösers tatsächlich im Kasten. Übrigens gibt es im Menü neue Optionen zur Autofokus-Steuerung, die etwa die Reaktionsgeschwindigkeit einstellen, denn nicht immer soll der AF auf ein neu ins Bild kommendes Motivdetail scharfstellen.

  • Bild Einen Vogel im Flug zu fokussieren, ist für die Olympus OM-D E-M1 Mark II kein Problem. [Foto: MediaNord]

    Einen Vogel im Flug zu fokussieren, ist für die Olympus OM-D E-M1 Mark II kein Problem. [Foto: MediaNord]

  • Bild Auch im schnellen Vorbeiflug erfasste der Autofokus der Olympus OM-D E-M1 Mark II trotz unruhigen Hintergrunds unweit des Motivs den Vogel einwandfrei. [Foto: MediaNord]

    Auch im schnellen Vorbeiflug erfasste der Autofokus der Olympus OM-D E-M1 Mark II trotz unruhigen Hintergrunds unweit des Motivs den Vogel einwandfrei. [Foto: MediaNord]

  • Bild Selbst ein schnell auf die Kamera zufliegender Vogel war kein Problem für den Autofokus der Olympus OM-D E-M1 Mark II. [Foto: MediaNord]

    Selbst ein schnell auf die Kamera zufliegender Vogel war kein Problem für den Autofokus der Olympus OM-D E-M1 Mark II. [Foto: MediaNord]

  • Bild Der Pro-Capture-Modus der Olympus OM-D E-M1 Mark II nimmt bereits vor dem Auslösen 14 Bilder auf, so dass man den richtigen Moment nicht mehr verpasst. Ausgelöst wurde erst, als der Pfeil längst im Strohballen links vom Wasserballon steckte. [Foto: MediaNord]

    Der Pro-Capture-Modus der Olympus OM-D E-M1 Mark II nimmt bereits vor dem Auslösen 14 Bilder auf, so dass man den richtigen Moment nicht mehr verpasst. Ausgelöst wurde erst, als der Pfeil längst im Strohballen links vom Wasserballon steckte. [Foto: MediaNord]

  • Bild 60 Bilder pro Sekunde kann die Olympus OM-D E-M1 Mark II bei voller Auflösung von 20 Megapixeln aufnehmen. Dank Pro Capture werden zudem bereits vor dem Auslösen 14 Bilder gespeichert, wodurch man das perfekte Bild nicht mehr verpasst. [Foto: MediaNord]

    60 Bilder pro Sekunde kann die Olympus OM-D E-M1 Mark II bei voller Auflösung von 20 Megapixeln aufnehmen. Dank Pro Capture werden zudem bereits vor dem Auslösen 14 Bilder gespeichert, wodurch man das perfekte Bild nicht mehr verpasst. [Foto: MediaNord]

Doch man kann sogar schon Bilder aufnehmen, bevor man den Auslöser durchdrückt. Olympus nennt das Pro Capture. Sobald man den Auslöser halb drückt, wird der Puffer ständig mit neuen Bildern gefüllt, die letzten 14 verbleiben im Puffer (die Funktion deaktiviert sich nach 60 Sekunden automatisch, man sollte also nicht zu lange mit dem Auslösen warten). Drückt man nun den Auslöser, so werden diese Bilder inklusive der folgenden gespeichert, solange man den Auslöser festhält und die Serienbildfunktion noch mitkommt (irgendwann ist der Puffer voll, weil die Speicherkarte nicht ganz hinterherkommt). Mit dieser Funktion gelingt es problemlos, den richtigen Moment einzufangen. Die Serienbildrate erreicht nämlich bis zu 60 Bilder pro Sekunde bei höchster Auflösung! Allerdings gibt es zwei Einschränkungen: Der Autofokus wird bei dieser hohen Serienbildrate nicht mehr nachgeführt und der Verschluss arbeitet elektronisch, was bei sehr schnell bewegten Motiven zu Bildverzerrungen führen kann (die Sensorauslesung dauert 1/60 Sekunde). Schaltet man die Serienbildgeschwindigkeit auf 18 Bilder pro Sekunde herunter, so kann die E-M1 Mark II den Autofokus nachführen, was wie bereits erwähnt hervorragend funktioniert. Mit mechanischem Verschluss sind hingegen maximal 15 (mit AF-S) beziehungsweise zehn Serienbilder pro Sekunde (mit AF-C) möglich. Des Weiteren gilt: Je langsamer die Serienbildrate, desto längere Serien sind möglich. Bei 60 Bildern pro Sekunde reicht der Puffer nur für 48 Fotos im Raw-Format, bei zehn Serienbildern pro Sekunde sind dreimal so viele Aufnahmen am Stück möglich. Auf die Speicherkarte schreibt die Olympus übrigens problemlos 8,5 Raw-Bilder (knapp über 20 MByte pro Stück) pro Sekunde, das entspricht etwas über 170 Megabyte pro Sekunde – ein hervorragender Wert! In JPEG reicht der Puffer noch länger, wobei dies vom Motiv und der Kompression abhängt.

Neben der Serienbildfunktion hat Olympus aber auch die Videofunktion deutlich aufgewertet. Neben dem Videoaufnahmeknopf für spontane Aufnahmen in jedem Aufnahmeprogramm gibt es einen speziellen Videomodus, in dem weitreichendere Funktionen zur Verfügung stehen, etwa manuelle Einstellungen für die Belichtung. Maximal 30 Bilder pro Sekunde werden in 4K (3.840 x 2.160) erreicht, 24 Bilder pro Sekunde in Cinema-4K (4.096 x 2.160) und 60 Bilder pro Sekunde bei Full-HD (1.920 x 1.080). Mit Bitraten von 202 (Full-HD) bis 237 (4K) Mbit/s werden zudem sehr hohe Bildqualitäten möglich. Gespeichert wird mit H.264-Kompression im MOV-Format. Das ist etwas unglücklich, da nicht alle 4K-fähigen Geräte dieses Videoformat unterstützen. Etwa unser Panasonic-Fernseher aus dem Jahr 2015, der mit 4K-Material im MP4-Format mit H.264- oder sogar H.265-Kompression wunderbar klarkommt, nicht jedoch mit MOV-Filmen. Der Autofokus arbeitet dank der Phasen-Sensoren im Videomodus ebenfalls hervorragend. Wer möchte, kann auch den AF-S-Modus einstellen, womit die Videos noch ruhiger werden und der Fokus sich nur dann ändert, wenn man auf dem Touchscreen ein anderes Motivdetail antippt. So macht das Filmen auch mit Autofokus Spaß, denn der Fokus springt nur dann (beziehungsweise wird sanft geändert), wenn man es explizit wünscht. Dass die Olympus über ein internes Stereomikrofon sowie Anschlussmöglichkeiten für Mikrofon und Kopfhörer verfügt, der Tonpegel sich aussteuern lässt und der Timecode gespeichert wird, unterstreicht die Video-Ambitionen. Einzig eine Zebrafunktion vermissen wir. Immerhin lässt sich die Schwelle der normalen Über- und Unterbelichtungsanzeige anpassen.

Das eigentliche Highlight bei den Videos aber auch Fotos ist der integrierte Bildstabilisator. Er ermöglicht bis zu 5,5 Blendenstufen längere Belichtungszeiten, mit einem bildstabilisierten Olympus-Objektiv sogar bis zu 6,5 Blendenstufen. Belichtungszeiten von 1-2 Sekunden kann man, bei 35 Millimeter (KB) und größeren Weitwinkeln, problemlos aus der Hand halten. Auch mit Teleobjektiven ergeben sich enorme Vorteile. Die Leistungsfähigkeit des Bildstabilisators wird bei Videoaufnahmen noch beeindruckender deutlich. Es wirkt, als wäre die Kamera auf einem Steady-Cam-System montiert, dabei kann man sich aber im Gegensatz zu einem schweren, echten Steadycam-System viel flexibler und freier bewegen. Auch einen Crop gibt es durch den rein mechanisch arbeitenden Stabilisator nicht, selbst bei 4K-Videoaufnahmen wird die volle Sensorbreite genutzt. Die Bildhöhe und damit auch die Diagonale wird jedoch aufgrund des Beschnitts vom 4:3-Sensorformat auf das 16:9-Filmformat natürlich deutlich kleiner. Der Bildstabilisator ermöglicht Videografen jedenfalls eine völlig neue Arbeitsweise mit kleinem, leichtem, unauffälligem Equipment.

Wer gerne blitzt, ist mit der OM-D E-M1 Mark II ebenfalls gut bedient. Zwar besitzt sie kein integriertes Blitzgerät, aber ein winziger Dreh- und schwenkbarer Aufsteckblitz (FL-LM3) wird mitgeliefert, der sogar als Master in einem Drahtlos-Systemblitz-Setup wirken kann. Funktionen wie eine Highspeedsynchronisation, eine Blitzbelichtungskorrektur, eine Langzeitsynchronisation oder etwa das Blitzen am Ende der Belichtung beherrscht die OM-D ebenfalls. Die Blitzsynchronzeit liegt bei 1/250 (mit großen Systemblitzen) beziehungsweise 1/320 Sekunde (mit dem kleinen, mitgelieferten Aufsteckblitz). Mit lautlosem elektronischem Verschluss hingegen liegt die Blitzsynchronzeit bei 1/60 Sekunde. Besonders laut ist der mechanische Verschluss übrigens nicht, er klingt aber nicht so schön "analog" wie etwa bei der Pen-F.

  • Bild Der zur Bildstabilisierung beweglich gelagerten Bildsensor der Olympus OM-D E-M1 Mark II ermöglicht bis zu 5,5 Blendenstufen längere verwacklungsfreie Belichtungen. [Foto: MediaNord]

    Der zur Bildstabilisierung beweglich gelagerten Bildsensor der Olympus OM-D E-M1 Mark II ermöglicht bis zu 5,5 Blendenstufen längere verwacklungsfreie Belichtungen. [Foto: MediaNord]

  • Bild Auf der Unterseite bietet die Olympus OM-D E-M1 Mark II einen Anschluss für einen Multifunktionsgriff, der Handling und Akkulaufzeit verbessert. [Foto: MediaNord]

    Auf der Unterseite bietet die Olympus OM-D E-M1 Mark II einen Anschluss für einen Multifunktionsgriff, der Handling und Akkulaufzeit verbessert. [Foto: MediaNord]

Wenn die (Foto-)Aufnahme im Kasten beziehungsweise auf der Speicherkarte ist, sind die Möglichkeiten der E-M1 Mark II noch längst nicht erschöpft. Handelt es sich um Raw-Aufnahmen, so können diese bereits in der Kamera umfangreich entwickelt werden, inklusive Anwendung der Art-Filter. Auch JPEG-Aufnahmen lassen sich (in gwissen Grenzen) in der Kamera bearbeiten. Dank WLAN schickt die E-M1 Mark II Fotos zudem auf Wunsch drahtlos an Smartphones oder Tablets. Auf diesem Wege können zudem GPS-Daten in die Fotos gelangen, wenn sie vorher mittels der OI-Share-App aufgezeichnet wurden. Wer möchte, kann zudem die Kamera via WLAN fernsteuern, dafür gibt es sogar eine Software eines findigen Programmierers (siehe Fototipp in den weiterführenden Links). Von Olympus selbst gibt es ebenfalls eine Studiosoftware, die aber kabelgebunden arbeitet.

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