Vertus

Testbericht: Vertus Fluid Mask 3.02

2007-09-13 "Freistellen" von Teilen eines Bildes für eine Bildmontage oder die bessere Integration in eine Textseite war vor der Digitalfotografie und der digitalen Bildbearbeitung eine sehr aufwändige und zeit- sowie kostenintensive Retuschieraufgabe. Freistellungstools wie Fluid Mask von Vertus – als Standalone-Lösung wie als Plug-in einsetzbar – helfen den Arbeitseinsatz spürbar zu reduzieren, so dass Fotomontagen oder der Austausch ganzer Bildsegmente für Korrekturzwecke schnell erledigt sind.  (Dr. Bernd Schäbler)

Bild 1. Automatische Kantenerkennung und Auswahl mit Erhalten/Löschen-Pinsel [Foto: Dr. Bernd Schäbler] Photoshop und andere Bildbearbeitungsprogramme verfügen natürlich über eine ganze Reihe von Werkzeugen, mit denen man eine Freistellung von Bildteilen, eine Trennung von Vorder- und Hintergrundelementen bewerkstelligen kann. Zu ihnen zählen die Auswahlwerkzeuge, das (magnetische) Lasso, der Zauberstab mit einstellbarer Toleranz, Arbeiten im Maskierungsmodus mit Malpinsel und nicht zuletzt der Extrahieren-Filter; diese alle verlangen aber viel Geduld für Feinarbeiten oder lassen die Trennung von Bildteilen in den kritischen Übergangsbereichen schier unmöglich erscheinen. Immer wenn Vorder- und Hintergrundbestandteile sich farblich oder in der Helligkeit nicht gravierend voneinander unterscheiden, wenn keine Kanten – oder nur sehr unklare oder brüchige – vorhanden sind und es an sonstigen strukturierenden Elementen fehlt, wenn wie z. B. im Ast- oder Blattwerk vor Himmelsblau oder Wolken ein filigranes Ineinander von Elementen, die man erhalten bzw. löschen/ausschneiden will, gegeben ist, können einige Methoden und Werkzeuge nicht mehr erfolgreich angewendet werden.

Vor der Einführung des Extrahieren-Filters in Photoshop waren bereits Anbieter von Plug-in -Zusatzmodulen wie Extensis (heute onOne) mit Mask Pro, Chromagraphics mit Magic Mask, HumanSoftware mit AutoMask oder Digital Film Tools mit Snap und EZ Mask bestrebt, das Freistellen einfacher und zugleich effektiver zuBild 2. Freistellung des Hintergrunds mit Patch-Werkzeug  [Foto: Dr. Bernd Schäbler] machen. Fluid Mask 3.02 von Vertus wird nun auch mit einigen Problemen fertig, die bei den genannten Drittanbieter-Modulen noch offen geblieben waren. Das Plug-in und die Standalone-Variante unterscheiden sich nicht grundlegend voneinander; mit Ersterem können in Photoshop RAW-Dateien nach dem Konvertieren in ACR gleich als Bilder mit 16-Bit Farbtiefe weiterverarbeitet und nach der Bearbeitung als neue Ebene abgelegt werden (zum Vergleich: Das Extrahieren-Werkzeug von Photoshop akzeptiert nur 8-Bit Farbtiefe). Bei der Standalone-Variante exportiert man die Bilder am Ende ins PNG-Format. Dringend erforderlich ist bei diesem Modul eine Ergänzung durch die Funktion "Bild drehen", damit man ohne Halswirbelverrenkung arbeiten kann.

Als erstes führt Fluid Mask eine Bildanalyse durch, wie am Fortschrittsbalken in der Fußzeile ersichtlich, und erstellt aufgrund der von ihm entdeckten Kanten ein Liniennetz, das aus den Zonen mit ähnlichen Farbtönen und ähnlicher Struktur sowie den Übergangsbereichen besteht. Mit den Einstellmöglichkeiten rechts des Arbeitsfensters beeinflusst man nun, wie die Kantenstärke definiert wird, wie viele Kanten/Zonen über die gesamte Bildfläche gemessen werden, wie die Übergänge am besten erfasst werden und wie breit die Übergangsmaske sein soll. Mit den Werkzeugen links vom Arbeitsfenster, zu denen u. a. Pinsel unterschiedlicher Funktion und Charakteristik, Radierer, Farbaufnehmer, Patch-Auswahl-Tool und Preview-Schaltfläche gehören, wird die Unterscheidung in Vorder- und Hintergrund vorgenommen. Über die konkrete Vorgehensweise und die Feinjustierung entscheidet der Anwender: Weist ein Bild wenige, aber klar gegliederte, homogene und großflächigere Teile auf, genügt bereits eine kleinere Zahl von Kanten bzw. Zonen zur Erfassung der gewünschten Teile. Diese werden mit einem der Pinsel überstrichen, deren Funktion in "Erhalten" oder "Entfernen" unterteilt ist, die eine unterschiedliche Reichweite bei der Erfassung der Pixel haben und deren Intensität in der Werkzeugeinstellungen-Leiste gesteuert werden kann. Danach genügt eine Aktivierung der Berechnungsfunktion, Bild 3. Freistellung mit Pinsel für Übergangsmaske  [Foto: Dr. Bernd Schäbler]und Fluid Mask maskiert den anderen Teil selbständig. Nebenstehende Abbildung zeigt einen solchen "einfachen Fall" vor der Endberechnung: Im weiß hinterlegten Preview-Teil sind keinerlei Probleme zu erkennen, selbst die kleine Wetterfahne bleibt erhalten und die klaren Konturen machen die Freistell-Arbeit mit den automatischen Einstellungen zu einem Kinderspiel. Nur das in den Himmel hineinragende Geäst des Baums stellt einen Stolperstein dar – für manche "Freisteller", nicht aber für Fluid Mask, weil man mit dieser Software flexibel auf solche Herausforderungen reagieren kann.

Die Flexibilität von Fluid Mask besteht darin, dass für gemischte Situationen (großflächige, homogene Bildteile und feine Details, klare Kanten und diffuse Übergänge treten nebeneinander auf), wie man sie ja oft in Bildern vorfindet, in ein und demselben Arbeitsgang unterschiedliche Strategien eingesetzt werden können. Die zweite Abbildung zeigt eine komplexe Situation, denn das Gewirr der Äste, die Partie an der Turmspitze mit den Gräsern und der einfachere, weil homogene Teil rechts davon machen eine differenzierte Herangehensweise notwendig. Hierfür bietet Fluid Mask 3.02 das Patch-Tool an. Die ersten beiden Bildteile werden mit einem rechteckigen bzw. mehreckigen Patch maskiert, dann ist über den Farbaufnehmer im Bild oder im Feld des Analysewerkzeugs je Patch die Auswahl für zu erhaltende oder entfernende Teile zu treffen, wobei die Kantenerkennung ausschnittspezifisch und unabhängig vom übrigen Teil des Bildes definiert werden kann, und nach der Aktivierung von "Schützen des Patches" werden die restlichen Bildteile – der Turm und der Himmel rechts im Bild – mittels Pinsel markiert.

Bild 4. Maskierung diffuser Übergangszonen  [Foto: Dr. Bernd Schäbler] In der dritten Abbildung, die eine sehr alltägliche Situation wiedergibt, da hier belaubte Äste von Bäumen oder Büschen in den Horizont hineinragen, so dass sich ein unregelmäßiges Ineinander von Vorder- und Hintergrund ergibt, ist wiederum eine andere Strategie angebracht: Die kritischen Bildteile werden mit einem breiter eingestellten Pinsel für Übergangsmasken überstrichen, so dass alle (!) durch Ast- und Blattwerk durchscheinenden lichten Stellen bedeckt sind; diese Maske ist in der Werkzeugeinstellungen-Leiste durch Anklicken des entsprechenden Feldes zu schützen, und dann kann mit den "Erhalten"- oder "Entfernen"-Pinseln weitergearbeitet werden. Selbstverständlich ist dieser Weg nicht hundertprozentig exakt, denn es wird wohl kaum zwischen dem durchscheinenden hellen Hintergrund-Licht des Himmels und dem auf den Blättern oder Ästen liegenden Licht differenziert; beides wird entfernt. Dies ist aber bei Bildteilen, die im Hintergrund liegen, zu verschmerzen.

"Trennschärfer" muss es hingegen zugehen, wenn etwa bei einer Nahaufnahme ein Teil des Motivs sich im Fokus befindet und daher bei der Kantenerkennung keine Probleme bereitet, in anderen Bildsektoren jedoch, z. B. auch aufgrund mangelnder Schärfentiefe, die Übergänge zwischen freizustellendem Motiv und Hintergrund eher diffus und ungenau sind. Die vierte Abbildung zeigt einen solchen Fall: Ohne das Patch-Werkzeug – diesmal als Patch-Pinselstrich eingesetzt – wäre es schwer möglich, die sehr dunkle Unterseite des Blütenblatts der rotblühenden Seerose von weiteren, kaum auszumachenden Blättern bzw. der spiegelnden Wasseroberfläche zu trennen. Ein "Ausbluten", d. h. ein Verlaufen der Farben – und der Auswahl-Markierung – in Sektoren, wo sie fehl am Platze sind, wäre die Folge. Mit dem Patch-Pinsel kann der kritische Bereich trennscharf markiert werden, mit dem Farbaufnehmer werden die zu erhaltenden Farben im Bild oder Farbanalyse-Tool erfasst, der Patch wird als geschützt deklariert, und danach werden die übrigen Teile, die erhalten werden sollen, überpinselt.

Fazit: Mit Fluid Mask 3.02 von Vertus steht für Retuschierarbeiten, in denen es auf die saubere Trennung von Vordergrund- und Hintergrundsegmenten eines Bildes ankommt, ein Werkzeug zur Verfügung, mit dem schnell und flexibel auch schwierige Situationen und Aufgaben bewältigt werden können.


Steckbrief

Hersteller
Vertus
Betriebsysteme
Windows, Windows XP, und höher, Macintosh und Mac OS X
Sprachen
Englisch
Festspeicher
12 MByte
RAM
320 MByte
Anspruch
Anfänger, Einsteiger mit Grundwissen, Fortgeschrittener, Amateur und Profi
Preis
209 €
Bezugsquelle
Internet

Kurzbewertung

  • das Photoshop-Plug-in akzeptiert Dateien mit 16-Bit Farbtiefe
  • für unterschiedliche Schwierigkeitsgrade/Aufgaben stehen diverse Werkzeuge/Lösungen zur Verfügung
  • zahlreiche Möglichkeiten zur Feinjustierung der Auswahleinstellungen
  • "Bild drehen"-Funktion fehlt in der Standalone-Version
  • Farbmanagement muss in beiden Modulen dringend verbessert werden
  • eine deutschsprachige Version wäre wünschenswert