Rubrik: Aufnahmeeinstellungen
Weißabgleich – braucht man den?
2002-01-28 Er kann wichtiger sein, als Sie denken! Unsere gebräuchlichsten Lichtquellen, Tageslicht und diverse Arten von Glühlampen, haben nun einmal – grob gesagt – unterschiedliche Färbungen. Fotos bei Glühlampenlicht wirken gelblich bis rötlich, Leuchtstofflampenlicht färbt Bilder sogar grün. Was also tun, wenn die Bildfarben "richtig" aussehen sollen? (Jürgen Rautenberg)
"Grob gesagt" reicht dem interessierten Fotografen natürlich
nicht. Tatsächlich haben die fotografisch brauchbaren Lichtquellen
unterschiedliche "Farbtemperaturen", die in Kelvin (K) gemessen
werden. Je niedriger die Farbtemperatur K, desto rötlicher; je höher, desto
bläulicher erscheint die Farbgebung. Tageslicht hat mit durchschnittlich 5500
bis 6500 K eine höhere Farbtemperatur als Glühlampenlicht mit 2800 K oder
Halogenlicht mit um die 3000 K. Sehr praktisch: Die Temperatur des Blitzlichtes
entspricht der Tageslicht-Temperatur.
Der automatische Weißabgleich ermittelt anhand der Farbmengen des Motivs, um
welche Lichtquelle es sich handelt. Besonders bei monochromen (einfarbigen)
sowie bei solchen Motiven, in denen kein Grau oder Weiß enthalten ist, kommt es
gelegentlich zu Fehlentscheidungen. Besonders tückisch wird es, wenn während
einer Aufnahme zwei unterschiedliche Lichtquellen – beispielsweise die
Innenbeleuchtung und zusätzlich durchs Fenster hereinfallendes Tageslicht – auf
das Motiv einwirken. Dann muss sich der automatische Weißabgleich der Kamera
für eine der beiden Farbtemperaturen entscheiden – und wählt dabei eventuell
nicht diejenige, für die Sie als Fotograf sich entschieden hätten. Der Einsatz
des manuellen Weißabgleichs erlaubt deshalb die gezielte Abstimmung auf
einzelne Lichtquellen.
Die meisten Bilder werden bei Tageslicht aufgenommen. Da Tageslicht dem
automatischen Weißabgleich meist keine Schwierigkeiten bereitet, ist es am
sichersten, der Kamera die Einstellung zu überlassen. Nur bei wirklich
konstantem Licht sollte man die Kamera manuell auf Tageslicht einstellen
("Sonne" oder "bewölkter Himmel"). Die Kamera löst dann
etwas schneller aus, denn Sie muss nun keinen automatischen Weißabgleich mehr
durchführen. Nur darf man dann nicht vergessen, die Voreinstellung auf eine
sich ändernde Lichtsituation einzustellen, z. B. wenn sich eine Wolke vor die
Sonne schiebt oder das Motiv im Schatten liegt. Praktisch: Bei einer
Digitalkamera kann man die Wirkung des Weißabgleichs auf dem Monitor erkennen.
Entspricht das Ergebnis nicht den Vorstellungen, wiederholt man die Aufnahme mit
geänderter Vorgabe. Verfügt Ihre Kamera ausschließlich über einen
automatischen Weißabgleich und hat einmal sichtlich Schwierigkeiten, den
richtigen Farbton zu treffen, können Sie ihr wie folgt helfen: Richten Sie die
Kamera vor der Aufnahme auf ein weißes oder neutralgraues Motivteil, drücken
Sie den Auslöser zur Belichtungsmessung halb durch und schwenken Sie dann die
Kamera vor dem Auslösen auf den gewünschten Bildausschnitt zurück.
Durchaus Sinn macht die manuelle Wahl einer Weißabgleich-Voreinstellung,
wenn man bestimmte Stimmungen im Bild erhalten bzw. erzeugen will. Für
möglichst naturgetreue Fotos wählt man die zur Beleuchtung passende
Weißabgleichs-Voreinstellung: Für ein Porträt wie Bild 1 also beispielsweise
"Glühlampenlicht". Bei Leuchtstofflampen ("Neonlicht"), die
es in verschiedenen Farbnuancen gibt, hilft eigentlich nur ausprobieren. Wichtig
ist der manuelle Weißabgleich, wenn das Motiv gleichzeitig von
unterschiedlichen Lichtquellen beleuchtet wird oder diese sogar im Bild sichtbar
sind. Die Schaufensterdekoration von Bild 2 wird von Glühlampen erhellt, der
Weißabgleich aber war auf Tageslicht programmiert. Folglich wird die
Darstellung von einem gelblich-orangen Schleier überlagert. Trotz der
"falschen" Voreinstellung wirken die warmen Farben hier durchaus
angenehm. Unsere Empfehlung: Machen Sie Vergleichsaufnahmen mit verschiedenen
Einstellungen. Probieren Sie aus, was Ihnen besser gefällt. Zwar muss eine
Sachaufnahme die originalen Farben richtig wiedergeben, in der kreativen
Fotografie jedoch kann auch der Stimmungsgehalt des Motivs eine Rolle spielen.
Oft ist die Entscheidung eine reine Geschmacksfrage. Bild 3 zeigt eine
Situation, bei der die linke Bildhälfte von Glühlampen, die rechte von
Neonlicht angestrahlt wird. Hier ist eine Korrektur praktisch nur über
Manipulation am PC möglich – wenn der Autor es nicht vorzieht, die
ungewöhnliche originale Situation zu erhalten.