Artikel mit Tipp-Charakter

Hier stellen wir für unsere Leser einige Hintergrund-Artikel mit Tipp-Charakter zusammen.

Zusammenfassung

Der sofortige Druck auf den Auslöser ist nur angebracht, wenn ein flüchtiges Motiv im nächsten Augenblick zu entschwinden droht. Meist hat der Fotograf vor der Aufnahme genügend Zeit für eine Beurteilung. Er müsste vor jeder Aufnahme z. B. folgende virtuelle Checkliste abarbeiten: Zielgerichtet oder kreativ (künstlerische Darstellung/Sachfoto)? Bildausschnitt (zu viel, zu wenig Umfeld)? Perspektive (Aufnahmeabstand/Brennweite)? Räumlichkeit erwünscht (Tele = Raffung, Weitwinkel = Weitung des Raumes)? Farbe (passend zur Aussage; kräftig, zart, bunt, zurückhaltend)? Licht (Beeinflussung des Motivs durch Witterung; strahlende Sonne, Dunst, Regen, Gewitter)? Schöne Bildchen zu machen ist nicht schwierig. Ein wirklich gutes Foto jedoch ist nur zu erwarten, wenn alle angeführten Parameter mit dem Motiv kooperieren. Der Vergleich von Varianten eigener Fotos miteinander ist wichtig, weil er die Urteilsfähigkeit stärkt. Doch auch das Gespräch mit Anderen, möglichst Könnern, sollte gesucht werden.

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Rubrik: Bildgestaltung

So oder so: Bildvergleiche

2001-01-15 Es ist schade, dass viele hervorragende Bildideen nicht zu dem ebenso hervorragenden Endergebnis heranreifen, das man sich wünscht. Woran kann das liegen? Der Unerfahrene sieht sein Motiv, nimmt die Kamera vors Auge und löst aus. So geht es jedoch nicht! Es sei denn, es handelt sich um eine flüchtige Situation, die im nächsten Moment unwiederholbar fort sein kann.  (Jürgen Rautenberg, Jan-Markus Rupprecht)

   Rote Tomaten [Foto: Jürgen Rautenberg] Grüne Paprika [Foto: Jürgen Rautenberg]
Gasse Mykonos ohne Frau [Foto: Jürgen Rautenberg] Gasse Mykonos mit Frau [Foto: Jürgen Rautenberg]

Boot, ganzes Format [Foto: Jügen Rautenberg]

Boot, Himmel beschnitten [Foto: Jügen Rautenberg]

In der Regel jedoch hat man genügend Zeit, sich das Motiv anzusehen und zu überlegen: "Wie kann ich den Bildausschnitt, die Perspektive, das Licht finden, mit dem ich dieses Motiv und meine Vorstellung davon am besten in ein Bild umsetzen kann?" Wie der Bildhauer, der seinen Rohling dreht und wendet und sich fragt, welche Form in ihm steckt und wie er sie ans Licht bringen kann. Zunächst ist auch jedes Fotomotiv nicht mehr, als ein Rohling. Sie müssen es analysieren, bis Sie eine Antwort gefunden haben. Wenn Sie nicht sicher sind, welche von mehreren Vorstellungen die richtige ist, machen Sie zwei, drei oder mehr Fotos vom Motiv und stellen sich die Frage: "Ist diese oder jene Lösung sprechender?" Und genau das wollen wir hier exerzieren. Die drei folgenden Motive des Fotografen Jürgen Rautenberg zeigen wir Ihnen in jeweils zwei Variationen und wir stellen die Frage: "Ist die eine besser oder schlechter als die andere oder sind sie nur anders?"

Das erste Bildpaar, ein Stilleben, besteht aus einem Glasgefäß, einmal gefüllt mit Tomaten, einmal mit Paprika. Eine Jury zog das Bild mit den Tomaten vor mit der Begründung, das leuchtende Rot vor dem dunklen Hintergrund habe eine stärkere Wirkung als das Grün der Paprika. Ist das wirklich so? Zweifellos ist es eine Binsenweisheit, dass Rot vor Schwarz höchste Leuchtkraft entwickelt. Aber steht "höchste Leuchtkraft" zugleich für "wertvollste Aussage"? Vergleichen Sie bitte Formen, Farben und Gesamtwirkung der Variationen. Uns scheinen die Tomaten formal etwas zusammengequetscht. Ihr Rot ist natürlich fröhlicher als das Grün der Paprika, aber es erzeugt hier eher ein bisschen Aufgeregtheit und Unruhe. Wir ziehen also die grüne Variante mit der in sich stimmigen, ruhigen und doch Spannung erzeugenden Form vor.

Die Gasse auf Mykonos fotografierte Rautenberg wegen der Schlichtheit, die das Motiv ausstrahlt. Der Ausschnitt betont die Räumlichkeit. Das Pflaster selbst ist schon Motiv, führt aber hin zum Hauptelement, der Idylle aus Tür und Baum. Der Fotograf erzählt dazu: "Während ich noch einen genießenden Blick darauf warf, kam die Frau in die Gasse. Wir grüßten uns im Vorübergehen freundlich – anders, als das bei uns üblich ist – ich bedeutete ihr radebrechend wie mir ihr Haus gefiele. Sie erlaubte mir, sie zu fotografieren und während sie weiterging wartete ich den Moment ab, der mir der richtige für die zweite Variante erschien." Bei diesem Bildvergleich geht es sicher nicht um die Frage "besser oder schlechter", sondern jedes Bild hat seine eigene Aussage, die mit der des anderen nicht vergleichbar ist.

Beim dritten Bildpaar hat Rautenberg etwas begangen, was mancher für ein Sakrileg hält: Er hat von der aus einer niedrigeren Perspektive aufgenommenen zweiten Variante ein Stück weggeschnitten. Viele Fotografen neigen dazu, ein Bild unvollkommen zu zeigen statt es zu verbessern, indem sie einfach ein Stück abschneiden. Denn das ist eine Grunderkenntnis: Alles, was von der Aussage ablenkt oder sie stört, nimmt dem Bild ein Stück Vollkommenheit. Der Betrachter wird von unwichtigen Elementen abgelenkt und kann sich dadurch dem Genuss an der Schönheit des Motivs nicht voll widmen. Also, weg damit. Bei digital vorliegenden Fotos brauchen Sie weder Schere noch Abdeckband; beschneiden Sie das Bild einfach im Bildbearbeitungsprogramm.