Rubriken: Aufnahmeeinstellungen, Tipps zu einzelnen Kameras

Fotos nachträglich fokussieren

2015-11-30 Den folgenden Workflow hat eigentlich jeder im Blut, egal ob Fotograf oder Gelegenheitsknipser: Zuerst wird fokussiert und dann ausgelöst. Anders funktioniert das beispielsweise bei der Lichtfeldfotografie, die eine nachträgliche Fokussierung erlaubt, allerdings nur eine sehr geringe Auflösung bietet. Olympus und Panasonic bieten nun aber in einigen ihrer Kameras Funktionen an, die die Auswahl des scharfen Bildes auch im Nachhinein erlauben.  (Benjamin Kirchheim)

Bei der Lichtfeldfotografie wird nicht etwa die reale Szene durch ein Linsensystem auf einem Bildsensor abgebildet, sondern es werden die Lichtstrahlen des Motivs gemessen. Dadurch lässt sich im Nachhinein unter anderem die Fokusebene verschieben. Lytro bietet etwa entsprechende Kameras an. Doch das System hat für Fotografen einen sehr großen Nachteil: Die Auflösung ist mit aktueller Technik sehr gering und erreicht gerade einmal vier Megapixel.

Ende August 2015 stellte Olympus die OM-D E-M10 Mark II vor, die eine neue Funktion enthält: Fokus-Bracketing. Statt einer Belichtungsreihe ist die Kamera in der Lage, mit einem passenden Micro-Four-Thirds-Objektiv eine Fokus-Reihenaufnahme anzufertigen. Dazu wird die Funktion im Menü aktiviert und ausgewählt, wie viele Bilder sie aufnehmen soll (bis zu 999) und welchen Fokusabstand die Bilder haben sollen. Anschließend fokussiert man auf den vordersten Punkt, der scharf sein soll. Mit elf Bildern pro Sekunde geht die Fokus-Reihenaufnahme dann bei der Betätigung des Auslösers schnell vonstatten. Für jedes Bild wird der Fokus etwas weiter nach hinten verschoben und die Fotos landen alle auf der Speicherkarte. Anschließend kann man sich am PC das Foto mit dem passenden Schärfepunkt aussuchen. Die Fotos haben allesamt die volle Auflösung und Bildqualität von 16 Megapixeln. Mit den Firmwareupdates 2.0 für die OM-D E-M5 Mark II und 4.0 für die OM-D E-M1 rüstete Olympus diese Funktion am 26. November 2015 für die gesamte aktuelle OM-D-Reihe nach.

  • Mit Hilfe der Post-Focus-Funktion von Panasonic lässt sich der Fokus des Fotos nachträglich bestimmen. Hier liegt er auf dem Mini im Vordergrund.

  • Mit Hilfe der Post-Focus-Funktion von Panasonic lässt sich der Fokus des Fotos nachträglich bestimmen. Hier liegt er auf dem VW T1 in der Bildmitte.

  • Mit Hilfe der Post-Focus-Funktion von Panasonic lässt sich der Fokus des Fotos nachträglich bestimmen. Hier liegt er auf dem Flugzeug im Hintergrund.

Wiederum einen anderen Weg schlägt Panasonic ein. Hier nennt sich die Funktion Post-Focus. Sie wurde am 25. November 2015 mittels Firmwareupdates für die Lumix DMC-GX8, G70 sowie die DMC-FZ300 nachgerüstet, die GH4 soll Anfang 2016 folgen. Panasonic hat die Funktion dabei am anwenderfreundlichsten beziehungsweise pfiffigsten umgesetzt. Nach Aktivierung der Post-Focus-Funktion im Menü kann man ganz normal fotografieren. Statt aber nur ein Foto zu machen, nimmt die Kamera automatisch bis zu 49 Fotos auf und durchfährt dabei den gesamten Fokusbereich des Motivs. Der Fotograf muss sich also weder um die Schrittweite, noch die Anzahl der Fotos und schon gar nicht um den vordersten Fokuspunkt kümmern. Die Fotoserie erscheint als ein Foto in der Wiedergabe, bei dem man mittels Fingertipper auf dem Touchscreen ganz einfach den Fokuspunkt nachträglich setzen kann. Alternativ kann ein Slider mit den Rechts/Links-Tasten bewegt werden. Das zuschaltbare Fokuspeaking zeigt durch farbliche Hervorhebungen genau, welche Bereiche im Fokus sind. Zusätzlich lässt sich für den aktuell gewählten Fokuspunkt eine Fokuslupe hinzuschalten. Leider gibt es keine Möglichkeit, den Vergrößerungsausschnitt zu verschieben.

Die Post-Focus-Funktion von Panasonic macht sich den 4K-Videomodus zu Nutze. Denn eigentlich wird kein Foto aufgenommen, sondern eine Videosequenz. Damit ergeben sich als Gegenpol zu den Vorteilen wie der einfachen Handhabung auch einige Nachteile: So ist die Auflösung auf 8,3 Megapixel begrenzt und es wird nur ein zentraler Ausschnitt des Sensors benutzt. Man verliert um den Faktor 1,55 an Weitwinkel, gewinnt dafür aber an Tele. Beim Seitenverhältnis hat man dagegen die freie Wahl: Egal ob 1:1, 4:3, 3:2 oder 16:9 – es werden immer 8,3 Megapixel aufgenommen. Ein weiterer Nachteil ist die Tatsache, dass sich die Fotos aus der Videosequenz nur auf der Kamera so bequem extrahieren lassen. Auf einem PC muss man eine Videosoftware bemühen, um die Sequenz bildweise abspielen und Einzelbilder extrahieren zu können. Mit an der Kamera angeschlossenem HDMI-Kabel arbeitet die Post-Focus-Funktion übrigens auch nicht zusammen, weder im Live-View noch in der Wiedergabe. Dabei wäre es doch gerade ein schöner Effekt gewesen, in einer Diashow die Schärfe zu variieren oder einfach von einem Motivdetail auf ein anderes laufen zu lassen.

Angesichts der immer schneller werdenden Kameras ist es vermutlich nur noch eine Frage der Zeit, bis weitere Hersteller eine solche Funktion in ihren Kameras anbieten. Ähnlich wie Sony mit der Schwenkpanoramafunktion begonnen hat und es nun quasi Standard bei allen Kameraherstellern ist. Auch die Gesichtserkennung oder etwa die HDR-Funktion sind auf ähnliche Weise zum Standard geworden.

Panasonic Post Focus in Aktion

Panasonic demonstriert in einem Video die neue Post-Focus-Funktion.


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Autor

Benjamin Kirchheim

Benjamin Kirchheim schloss 2007 sein Informatikstudium an der Uni Hamburg mit dem Baccalaureus Scientiae ab. Seit 1998 war er journalistisch für verschiedene Atari-Computermagazine tätig und beschäftigt sich seit 2000 mit der Digitalfotografie. Ab 2004 schrieb er zunächst als freier Autor und Tester für digitalkamera.de, bevor er 2007 als fest angestellter Redakteur in die Lübecker Redaktion kam. Seine Schwerpunkte sind die Kameratests, News zu Kameras und Fototipps.

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Hier stellen wir für unsere Leser einige Hintergrund-Artikel mit Tipp-Charakter zusammen.

Zusammenfassung

Normalerweise wird ein Motiv erst fokussiert und dann fotografiert. Doch Panasonic und Olympus bieten in ihren jüngsten Kameras Funktionen, die diesen Workflow quasi umdrehen. Sie nehmen eine ganze Bildsequenz auf und erlauben im Nachhinein eine Verlagerung der Schärfe auf das gewünschte Motivdetail. Unser Fototipp zeigt, wie diese Funktionen arbeiten und wo die jeweiligen Vor- und Nachteile liegen.