Für die Fotografie bei Sonnenschein ist das Objektiv hingegen nur einsetzbar, wenn man es auf etwa F4 abblendet, denn die Basisempfindlichkeit von ISO 200 bei der OM-D E-M5 lässt keine größere Blendenöffnung zu, ohne die Fotos überzubelichten. Hier würde man sich ISO 100 oder besser noch ISO 50 wünschen, denn einen Graufilter schrauben zumindest wir ungern vor ein qualitativ und vor allem optisch so hochwertiges Objektiv, da das der Bildqualität nur abträglich sein kann. Die Verarbeitung aus Metall ist genauso gelungen wie das schlichte, silberne Design. Bis auf den breiten und weichen Fokusring, der wie bei Olympus üblich nicht mechanisch sondern elektronisch arbeitet, stört kein unnötiger Schnickschnack die Handhabung. Das Objektiv fokussiert flott und auch bei Offenblende sehr präzise und schnell. Das einzige, was wir uns an dem 950 Euro teuren Objektiv noch gewünscht hätten, wäre ein Spritzwasserschutz. Wer mit Sonnenblende fotografieren möchte, muss sie als Zubehör für knapp 80 Euro kaufen.
Doch nicht nur in der Praxis, auch im Testlabor konnte das Objektiv vollends überzeugen. Auf DIN A4 großen Ausbelichtungen stimmt die Bildschärfe von der Mitte bis zum Rand bei allen Blenden von F1,8 bis F22. Die Randabdunklung beträgt bei Offenblende nur 0,5 Blendenstufen (etwa 30 Prozent Lichtverlust), nimmt schon beim minimalen Abblenden auf F2 messbar ab und bei F2,8 ist sie schon so gering, dass sie nur noch messtechnisch auffällt. Die Verzeichnung bewegt sich ebenfalls nahe der Nulllinie, nur mit einem Adlerauge kann man noch eine minimalste kissenförmige Verzeichnung erkennen. Auch die Farbsäume sind sehr gering und bleiben stets unter einem halben Pixel, auf A4 ist das praktisch nicht zu sehen (siehe Diagramm unten). Selbst bei der kritischsten Messung, der Auflösung bei 50 Prozent Motivkontrast, überzeugt das 75er bereits bei Offenblende. Im Bildzentrum werden 46 Linienpaare pro Millimeter erreicht, zum Bildrand
hin sind es stolze 40 lp/mm, also nur gut 15 Prozent weniger. Bei F2,8 überschreitet das Objektiv spielend die 50 lp/mm im Bildzentrum, der Rand zieht auf über 46 lp/mm nach, also nur noch zehn Prozent Verlust, die selbst einem guten Auge kaum noch auffallen sollten, zumal sich in den Bildecken nur selten die wichtigen Motivdetails befinden. Die höchste Auflösung ist bei F4 erreicht, etwas über 53 lp/mm im Zentrum und knapp über 49 lp/mm am Bildrand. Bei F5,6 sinkt die Auflösung im Zentrum ganz leicht, der Bildrand legt noch minimal zu, kann die 50 lp/mm aber knapp nicht knacken. Bei F8 werden die 50 lp/mm dann knapp wieder unterschritten, so langsam setzt die Beugung ein. Bei F16 (etwa 36 lp/mm) und F22 (etwa 25 lp/mm) geht die Auflösung schließlich spürbar runter, reicht aber selbst dann immer noch für knackscharfe Fotos bis 20 x 30 Zentimeter.
Um es auf den Punkt zu bringen: Das Olympus M.Zuiko Digital 75 mm 1.8 ED ist ein echter Leckerbissen! Der Hauch von Vignettierung verschwindet ab F2,8, Verzeichnung ist nicht vorhanden, Farbsäume sind minimal, die Auflösung ist phänomenal. Damit setzt das 75er nahtlos an die sehr guten Labortestergebnisse des 45 1.8 an beziehungsweise übertrifft diese sogar noch. Das 45er ist aber auch schon zum Straßenpreis von gut 260 EUR erhältlich, während für das 75er noch die UVP von 950 EUR aufgerufen wird – es ist aber auch noch nicht lieferbar, was sich demnächst ändern sollte. Für uns ist das 75er ein Objektiv, das neben dem 12 mm 2.0 und 45 mm 1.8 keinesfalls in einer guten OM-D-Ausrüstung fehlen sollte.